Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Neidhart

(Neithart), Kaufmanns- und Patrizierfamilie

Von: Dr. Peter Geffcken (1) / Prof. Dr. Mark Häberlein (2) (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • 1407 bis in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts in Augsburg nachweisbar. 1522 Bürgerrecht und Herrenstube, 1538 Aufnahme ins Patriziat (1514 Ablehnung eines ersten Aufnahmegesuchs). Die Neidhart zählten zuvor zum Ulmer Patriziat, wo sie seit den 1380er Jahren fassbar sind.
  • 1) Heinrich, * um 1375 Ulm (?), † 14.7.1439 Ulm, bischöflicher Offizial, Domkustos in Augsburg, Bibliophiler. Sohn des Ulmer Stadtschreibers Heinrich (I, † 1414). Begründete mit seinen jüngeren Brüdern Wilhelm, Ludwig und Matthäus, alle promovierte Juristen und hochrangige Kleriker, die akademische Tradition der Familie. 1391 immatrikuliert in Wien (1397 Magister), 1399 in Bologna, 1400 Studium in Padua (1405 Dr. decr.). Von Bischof Eberhard (II.) zum Augsburger Offizial (1407-1413) und Subkollektor (1407) berufen, seit 1408 auch Domherr in Augsburg (1408-1430, resigniert 1437). Seiner Tätigkeit als Rat Herzog Stephans III. von Bayern (1408) scheint er sein Freisinger Kanonikat (1416-1430) zu verdanken. Gesandter des Herzogs und Bischof Eberhards, wohl zum Konzil von Pisa (1409), 1417 des Erzbischofs von Mainz zum Konzil von Konstanz. Wegen guter Kontakte zu Papst Martin V. häufig in diplomatischer Mission an der Kurie. Propst von Stift Wiesensteig (1417) und Domkustos in Augsburg (1421). Die Berufung zum Ulmer Stadtpfarrer (1424-1439) und die Aufgabe der Domkustodie markieren die beginnende Lösung von Augsburg. Wohl seit 1430, als er in den Besitz seines Konstanzer Kanonikats (1430-1439) gelangte, dort auch Residenz. 1431 zum Konzil von Basel berufen, 1433 auch ’judex generalis’ (Vorsitzender des Konzilgerichts). 300 Handschriften aus seinem Besitz bildeten den Grundstock der Neidhart’schen ’Libery’ in Ulm (1443), einer halböffentlichen Familienbibliotek, zu der auch Gelehrte Zugang hatten.
  • 2) Sebastian, * 1496 Ulm, † 1554, Großkaufmann. Sohn des Ulmer Bürgermeisters und Schwäbischen Bundeshauptmanns Matthäus Neidhart und der Magdalena Krafft. Heiratete 1513 die Tochter Christoph Herwarts. Nach dessen Tod (1529) Teilhaber der Gesellschaft ’C. Herwart sel. Erben’. Zugleich unter eigenem Namen umfängliches Engagement in Geld- und Juwelengeschäften. 1530 lieh er Karl V. 40.000 Dukaten, die in Sevilla durch Perlen aus Amerika zurückbezahlt werden sollten. Beteiligte sich 1535 mit dem Nürnberger Jakob Welser an der Finanzierung einer spanischen Flottenexpedition in das Gebiet des Rio de la Plata, die zur Gründung von Buenos Aires führte; 1537 erwarb er Rechte an den Perlenbänken vor der Karibikinsel Cubagua. Über seinen Faktor Christoph Raiser investierte er um 1537 gemeinsam mit dem Sevillaner Kaufmann Lazarus Nürnberger auch in den Silberbergbau im Zultepeque (Mexiko). Zusammen mit dem Augsburger Kaufmann Anton Haug betrieb er Bergbau in Tirol (Falkenstein, Gossensass). Haug-Neidhart war in den 1540er Jahren wiederholt an größeren Darlehen für König Ferdinand und die Tiroler Regierung beteiligt. Bildete 1546 mit Hieronymus Sailer und Gaspar Ducci ein Finanzkonsortium, das große Geldsummen von Antwerpen nach Lyon transferierte, um sie dort über eine Tochterfirma zu hohen Zinsen dem französischen König zu leihen, der die Darlehen zur Finanzierung seiner anti-habsburgischen Politik verwendete. Die Aufdeckung dieser verbotenen Finanztransaktionen führte 1550 zur Verhaftung Sailers, Duccis und des Antwerpener Neidhart-Faktors Alexius Grimmel, die zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden. Sailer und Neidhart (ab 1554 dessen Erben) prozessierten wegen ihrer jeweiligen Ansprüche an das gemeinsame Unternehmen noch jahrelang gegeneinander. Neidharts Erben, vor allem seine Söhne Christoph und Karl, setzten die Kreditpolitik ihres Vaters fort und gewährten ab 1555 den Königen von Frankreich und Portugal, dem Herzog von Florenz, dem Kardinal von Lothringen und dem Markgrafen von Brandenburg weitere große Darlehen. Karl heiratete eine Tochter Melchior Manlichs, dessen Teilhaber er wurde; nach dem Bankrott der Firma musste er Augsburg verlassen.

1) Monumenta Boica 35 I, 206; Monumenta Germaniae Historica Necr. I, 290; Urkunden zur Geschichte der Pfarrkirche in Ulm, 1890, Nr. 164; Württembergische Geschichtsquellen 2, 1895, 489; 8, 1904, 17; Gustav C. Knod, Deutsche Studenten in Bologna, 1899, 2521; Das rote Buch der Stadt Ulm, 1905; Albert Haemmerle, Die Canoniker des hohen Domstiftes zu Augsburg [...], 1935, 585; Friedrich Zoepfl, Das Bistum Augsburg und seine Bischöfe im Mittelalter, 1955, 353 f.; Repertorium Germanicum 2, 1961, 1237; 4, 1963, 1216-1219; Heinz Lieberich, Die gelehrten Räte, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 27 (1966), 178; Hans Beth, Geschichte von Baustetten, in: Laupheim, 1979, 336-353; Hermann Tüchle, Heinrich Neidhart der Ältere, in: Kirchen und Klöster in Ulm, 1979, 213-215.
2) Richard Ehrenberg, Das Zeitalter der Fugger 1, 1896, 135, 138, 220-224; E. Daennell, Ein Geldgeschäft Karls V. mit einem Augsburger Kaufmann, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 37 (1911), 138-140; Josef Hagl, Entwicklung des Augsburger Großkapitals […] 1540-1618, München Diss. 1924, 47-50; Ludwig Scheuermann, Die Fugger als Montanindustrielle in Tirol und Kärnten, 1929, 30-32, 57 f., 77; Deren von Stetten Geschlechterbuch, 1955, 51-72; Götz von Pölnitz, Anton Fugger 4, 1985; Theodor Gustav Werner, Die Beteiligung der Nürnberger Welser und der Augsburger Fugger an der Eroberung des Rio de la Plata und der Gründung von Buenos Aires, in: Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs 1, 1967, 543 f., 553; Hermann Kellenbenz, Die Finanzierung der spanischen Entdeckungen, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 69 (1982), 174 f.; Ders., Die Fugger in Spanien und Portugal bis 1560 1, 1990, 163, 325-327, 385, 399, 479; Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben 14, 1993, 33-54; Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts, 1996, 571-579.



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