Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Rehlinger

(von Rehlingen), Patrizierfamilie

Von: Dr. Peter Geffcken (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • 1302 bis ins 19. Jahrhundert in Augsburg nachweisbar. 1538 eines der acht noch blühenden ’alten Geschlechter’. Anhand von Indizien (Wappen, Grundbesitz) als Seitenlinie der wittelsbachischen Ministerialen von Rehling bei Aichach identifizierbar. Stammvater der Augsburger Familie ist der 1302 als Bürger belegte Ulrich ’von Rochelingen’. In den Rat gelangten die Rehlinger wohl erst nach der Verfassungsreform von 1340. Als erster der Familie wurde der ab 1356 im Rat belegte Konrad (II, † 1380) 1367 zum Stadtpfleger gewählt. Bis ins 17. Jahrhundert waren die Rehlinger kontinuierlich im Rat vertreten. Eine wichtige politische Rolle spielten in der Reformationszeit die protestantischen Stadtpfleger Ulrich (VII, † 1547) und Wolfgang Rehlinger († 1557). Nach Einführung der Karolinischen Regimentsordnung trat der katholische Zweig der Familie politisch in den Vordergrund und stellte in den nächsten 100 Jahren mit Heinrich († 1575), Anton Christoph († 1589), Quirin († 1605) und Bernhard Rehlinger († 1645) fast ständig einen der beiden Stadtpfleger. Die Familie bewahrte fast drei Jahrhunderte lang eine herausragende wirtschaftliche Stellung, die neben einer geschickten Heiratspolitik auf einer kontinuierlichen und erfolgreichen Beteiligung an Fernhandel, Finanz- und Montangeschäft basierte. Schon Konrad (I, † nach 1333) ist als Weinhändler bezeugt (1329/30). In der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts deuten Indizien auf eine Zusammenarbeit mit den verwandten Dachs hin. Bartholomäus Rehlinger, ein Enkel des alten Johann Dachs, wird 1371 und 1373 in Wien genannt. Ulrich (IV, † 1407), ein anderer Dachs-Enkel, war seit ca. 1394 an der Gesellschaft des verschwägerten Lorenz Egen beteiligt. Anfang des 15. Jahrhunderts ist dann eine Familiengesellschaft fassbar, in der anfangs wohl auch der später nach Landsberg abgewanderte Peter Rehlinger († 1457) mitarbeitete, die aber später von dem Stadtpfleger Ulrich (V, † 1481/82) geleitet wurde. Beteiligt waren die ehemaligen Faktoren Ulrich Stammler und Johann Rudelzhofer, später seine Söhne. Die Firma war wohl in Wien, Salzburg, Venedig, Freiburg/Üechtland, Frankfurt, Nürnberg und Lü­beck tätig. Das Gewicht des Nordosthandels, an dem anfänglich nur wenige Augsburger Firmen beteiligt waren, ist daran erkennbar, dass die kaufmännisch aktiven Söhne Ulrichs, Leonhard, Bernhard (I) und Jakob (II), zeitweilig in Nürnberg tätig waren, und dass es den Rehlingern von dort aus gelang, sich in Geldgeschäfte zwischen Skandinavien und der Kurie einzuschalten. Das Schicksal der Firma im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts ist noch nicht eindeutig geklärt. Da Bernhard (I, † 1484) an der Gesellschaft seines Schwiegervaters Heinrich Müller (II) beteiligt war und auch danach mit seinem Schwager Leonhard (I) Lauginger assoziiert blieb, wurde sie wohl von dem 1475 von Nürnberg nach Augsburg zurückgekehrten Jakob (II, † 1516) weitergeführt. Als weiteres Handelshaus erscheint um 1507 die Gesellschaft Wilhelms (II, † 1551), der dem Landsberger Zweig der Rehlinger entstammte. Sie widmete sich vor allem dem Warenhandel (Spanien, Venedig und Antwerpen). Wilhelms Vermö­gensverhältnisse lassen allerdings vermuten, dass das wirtschaftliche Gewicht der Firma nicht allzu groß war. 1503 schlossen sich Schwiegersohn, Sohn und Enkel des Markus (I, † 1476) zur Grander-Rehlinger-Honold-Gesellschaft zusammen, die Anfang des 16. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Augsburger Firmen zählte. Notizen im Geschlechterbuch der Stetten und andere Indizien legen nahe, dass die Gesellschaft nach Granders Tod vom Teilhaber Konrad (VIII, † 1553) übernommen wurde. Beteiligt war wohl seit den 1540er Jahren der Sohn Hieronymus (I, † 1581), der die Firma erfolgreich weiterführte; er zahlte schon 1562 die ’Reiche Steuer’. Fassbar sind vor allem Wechselgeschäfte mit Antwerpen, Venedig und Frankfurt; das Haus war auch in Danzig mit einem Faktor vertreten und hatte Geschäftsbeziehungen nach Frankreich. 1576 übergab er den Handel seinem Sohn Hieronymus (II, * 1538, † 1581), der vorher selbstständig tätig war. Nach dessen Tod übernahm der jüngere Sohn Markus (IV, * 1539, † 1601) die Firma. Auch er zahlte 1590 die ’Reiche Steuer’. Die herausragende Kaufmannsgestalt der Rehlinger war sein Sohn Markus Konrad († 1642). Nach Heirat mit einer Tochter Wolfgang Palers erscheint er in führender Stellung im Unternehmen des Schwiegervaters und übernahm 1622 dessen Anteile an der Neusohler Kupferpacht. Auch er steuerte von 1625 bis zu seinem Wegzug 1632 die ’Reiche Steuer’. Den europäischen Zuschnitt seiner Geschäfte belegen intensive Geschäftsbeziehungen nach London sowie Beteiligungen an der Niederländisch-Ostindischen und der Niederländisch-Westindischen Compagnie. Als Finanzagent und Schatzmeister Herzog Bernhards von Weimar und als Kammerpräsident der Schwedischen Regierung in Frankfurt spielte er während des 30jährigen Krieges auch politisch eine wichtige Rolle.
  • Rehlingenstraße (Stadtjägerviertel, Amtlicher Stadtplan I 8).

Max Förderreuther, Die Augsburger Kaufmannschaft in den bayerischen Herzogtümern während der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts, 1892; Allgemeine deutsche Biographie 27, 1888, 597; Franz Josef Schöningh, Die Rehlinger von Augsburg, 1927; Anton Mayr, Die großen Augsburger Vermögen 1618 bis 1717, 1931, 28-31; Jakob Strieder, Zur Genesis des modernen Kapitalismus. Forschungen zur Entstehung der großen bürgerlichen Kapitalvermögen am Ausgange des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, zunächst in Augsburg, 21935, 53 ff.; Albert Haemmerle, Deren von Stetten Geschlechterbuch 1955, 86 f.; Genealogisches Handbuch des in Bayern immatrikulierten Adels 1, 1950, 577-580; 7, 1961, 276-323; Wolfgang Stromer von Reichenbach, Oberdeutsche Hochfinanz 1350-1450, 1970, 55-57; Eduard Zimmermann, Augsburger Zeichen und Wappen, 1970, 1395 f.; Hermann Kellenbenz, Wirtschaftsleben der Blütezeit, in: Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 258-301; Fritz Peter Geffcken, Soziale Schichtung in Augsburg 1396-1521, 1995, München Diss. 1983, 140, 198, 205, Anh. 6-214, 231-233; Benedikt Mauer, Zur Organisation städtischen Bauens zwischen Elias Holl, Marcus Welser und Bernhard Rehlinger, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 89 (1996), 75-94; Quellen und Regesten zu den Augsburger Handelshäusern Pahler und Rehlinger 1539-1642, 1996; Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts, 1996, 652-672.

Konrad (VIII) Rehlinger



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