Siedlungsgeschichte und Archäologie in Augusta Vindelicum/Augsburg



Pinienzapfen (Pyr)
Pinienzapfen (Pyr), ursprünglich Bekrönung eines Grabmals 2./3. Jahrhundert nach Christus (geborgen bei St. Ulrich und Afra)

von Lothar Bakker

Die heutige Stadt Augsburg blickt wie keine andere Stadt in Bayern zurück auf eine überaus reiche und hochrangige Besiedlungsgeschichte. Von der 'Seßhaftwerdung' des Menschen im 6. Jahrtausend v. Chr., dem Beginn der Jungsteinzeit, bis in unsere Zeit erschließt sich ein kon tinuierlich genutzter, menschenfreundlicher Raum mit einer dichten Kette von herausragenden archäologischen und historischen Zeugnissen. Nahezu alle Kulturstufen seit dem frühen Neolithikum sind im Augsburger Stadt gebiet vorhanden und archäologisch nachgewiesen.  Dabei kommt der Stadtgründung durch die Römer als AVGVSTA VINDELICVM höchster Rang zu: Als Haupt stadt der Provinz Rätien, der Alpenprovinz zwischen Bodensee und Inn bzw. zwischen Alpenhauptkamm und Donau/Limes, gehörte die Stadt damals zu den  bedeutendsten Zentren des Imperium Romanum. Erst vom Spätmittelalter an und in der Neuzeit, besonders in der Renaissance, erlangte Augsburg als Freie Reichsstadt wieder eine vergleichbare Stellung wie zur Römerzeit und damit Weltgeltung. So ist es leicht verständlich, daß im Mittelpunkt der archäologischen Denkmalpflege in Augs burg stets die römische Provinzhauptstadt stehen wird: Der Bewahrung des antiken  Erbes der nach Köln, Trier und Mainz wichtigsten Römerstadt auf deut schem Boden durch  Erfassung und Schutz ihrer  Boden denkmäler, durch Sicherungs grabungen und durch  Erfor schung ihrer reichen archäologischen Quellen gilt die höchste Aufmerksamkeit. Das römische Augsburg zählt zu den einzig artigen archäologischen Denkmälern Bayerns.

 

Von der Jungsteinzeit bis zur Keltenzeit

Beim Blick auf die naturräumlichen Gegebenheiten werden die günstigen Siedlungsvoraussetzungen am Zusammenfluß von Lech und Wertach offensichtlich; wie das Donaugebiet zog auch diese Flußlandschaft mit fruchtbaren Auen und teilweise lößbedeckten Terrassen bzw. dem angrenzenden Hügelland den Menschen seit der Jungsteinzeit an. Für Ackerbau und Viehzucht waren beste Bedingungen geboten, dabei war die Hochterrasse zwischen Lech und Wertach mit eiszeitlichem Löß boden als Ackerfläche bevorzugt. So spiegelt sich die für die Besiedlung äußerst vorteilhafte Landschaft nicht nur in der Dichte der Siedlungszeugnisse wider, sondern wird auch in der Qualität des archäologischen Fundstoffs selbst im Vergleich zum zeitlich entsprechenden Fundgut aus Siedlungsplätzen der näheren Umgebung oder entfernt liegender Regionen deutlich.

Die ältesten Zeugnisse des Menschen auf dem Augsburger Stadtboden entstammen der frühen Jungsteinzeit, der Zeit der Linearband-Keramik des 5./6. Jahrtausends v. Chr. und wurden als Lesefunde auf Ackerflächen südlich von Inningen geborgen. Gerade auf der westlichen Hochterrassenkante zum Wertachtal von Göggingen über Inningen bis zur Stadtgrenze nach  Bobingen sind seit langem zahlreiche Fundstellen des Neolithikums und der Metallzeiten als dichte Fundkette bekannt, so z.B. die 1937 entdeckte "Skelettgrube" der Michelsberger-Altheimer Kultur in Inningen aus der Zeit um 3300/3000 v. Chr. oder die beiden frühbronzezeit lichen Gräber mit Schmuckbeigaben von Göggingen (1934). Lesefunde und kleinere archäologische Unter suchungen haben hier das Siedlungsbild in den letzten Jahren weiter verdichtet. Eine Siedlungsstelle der  Münchshöfener Kultur aus dem Ende des Mittelneolithikums wurde 1980 zwischen Göggingen und Inningen ausgegraben; bereits 1975 legte man eine Siedlung der jungneolithischen 'Pollinger Gruppe' an der Stadtgrenze zu Bobingen frei. Bronzezeitliche Fundplätze wie auch Siedlungsreste der Urnenfelderkultur und der Hallstattzeit kamen inzwischen bei nahezu jährlich durchzufüh renden Rettungsgrabungen an der Hochterrassenkante von Göggingen und Inningen zutage, 1993 erstmals eine Metallgußform wohl der Hallstattzeit.  Eine ausgedehnte Grabhügelfeldkette der Hallstattzeit zwischen Leitershofen, Kriegshaber und Wellenburg wurde teilweise vor der drohenden Überbauung oder der Zerstörung durch landwirtschaftliche Nutzung ausgegraben; weitere Grab  hügel auf der würmeiszeitlichen Niederterrasse im Wertachtal zwischen Leitershofen und den Augsburger Ortsteilen Bergheim und Wellenburg konnten in Luftbildern erkannt werden. Herausgehoben seien hier zwei hallstattzeitliche Grabhügel von Kriegshaber und Wellenburg, in denen die ausgegrabenen Teile von Wagen den sozial hochstehenden Rang der Toten angeben.

Eine bis 1986 noch unbekannte vorgeschichtliche Siedlungslandschaft hat seither bei jährlichen Rettungsgrabungen auch an der östlichen Hochterrassenkante ein dichtes Fundstellenbild vom Ende der Jungsteinzeit an entstehen lassen. Auf den Kiesschottern der Niederterrasse des Lechs wurden im Gewerbegebiet Haunstetten-West (u.a. bei der Siemens-Werksansiedlung, 1986) und auf dem Gelände der Universitätssportanlage (1991) erst mals für die Augsburger Region Körpergräber der Glockenbechermenschen aus dem Endneolithikum untersucht. Die ebenfalls endneolithische Gruppe der Schnurkeramiker wurde 1987 mit einem Einzelgrab in Haunstetten erfaßt.

Die Freilegung eines frühbronzezeitlichen Friedhofs mit 32 Körpergräbern gelang während des Baus einer grö ßeren Wohnanlage im äußersten Süden Haunstettens (1992). Aber auch spätbronzezeitliche Siedlungsfunde, Hausgrundrisse, Gruben und ausgedehnte Friedhöfe der Urnenfelderkultur wurden seit 1986 an mehreren Fundstellen unterhalb der Terrassenkante auf Haunstetter Flur entdeckt und mit Grabungen dokumentiert. Mit Metallbeigaben reich ausgestattet, zeigen sie im Vergleich zu urnenfelderzeitlichen 'ärmeren' Gräbern an der Friedberger Lechleite östlich von Augsburg, daß hier auf den Lößbö den eine wohlhabendere Bevölkerung lebte. Siedlungsspuren der Latènezeit sind dagegen bisher seltener zutage getreten: eine im Frühlatène beginnende mehrperiodige Siedlung südlich von Inningen, spätkeltische Einzelfunde in Kriegshaber, aber auch jüngst die Reste spätkeltischer Siedelstellen in Haunstetten mit den  Pfostenspuren zwei schiffiger Häuser (1990, Im Tal; 1997, Weddigenstraße).

Kennen wir also im Augsburger Westen und Süden eine ausgeprägte Siedlungslandschaft mit Kontinuität seit der Jungsteinzeit, so seien hier die wenigen vorgeschichtlichen Fundpunkte unter der Augsburger Altstadt oder unter der Römerstadt selbst aufgezählt: Keramik der neolithischen Münchshöfener Gruppe bei St. Ulrich und Afra (1955/56 und 1993), frühbronzezeitliche Grube an der Thommstraße (1982), spätbronzezeitliche Funde am Chor von St. Stephan (1984), Keramik der Bronzezeit an der Jesuitengasse (1987), Einzelfund der Urnenfelderkultur an der Langen Gasse (1986), spätkeltische Funde an der Volkhartstraße (1998). Daß im Altstadtareal so wenige vorgeschichtliche Siedlungsreste zu verzeichnen sind, liegt an der seit römischer Zeit bis heute fortwährenden Überbauung und damit weitestgehenden Zerstörung der ältesten archäologischen Befunde.

Grabmalrelief zweier römischer Bürger
Grabmalrelief zweier römischer Bürger (Brüder?), spätes 2. Jahrhundert nach Christus, geborgen im Fronhof

Die Anfänge des römischen Augsburg

Mit dem Eroberungsfeldzug der Römer über die Alpen im Jahre 15 v. Chr. änderten sich die Besiedlungsverhältnisse grundlegend: Eine mediterrane Hochkultur griff nach Norden und brachte völlig neue Zivilisationserscheinungen mit. Die ältesten römischen Funde Augsburgs - sie gehören nach wie vor zu den frühesten römischen Zeugnissen Bayerns - wurden zu Beginn dieses Jahrhunderts in Augsburg-Oberhausen in einer Kiesgrube an der Wertach geborgen. Nach ihrer Identifizierung als Überreste eines römerzeitlichen Militärlagers kamen 1913 in einer zweiwöchigen Ausgrabung mehrere tausend Fundstücke, vor allem Metallfunde, zutage. Zunächst als Legionslager interpretiert, erscheint das Fundgut heute als Überrest eines größeren Versorgungslagers mit Speicherbauten an der Einmündung der Wertach in den Lech. Spuren von Holzbauten oder einer Lagerumwehrung fanden sich nicht; die Funde waren wohl durch eine Hochwasserkatastrophe in den Kies  eines alten Flußbetts hinabgerissen worden. Durch die Ausrüstungsteile sind Legionssoldaten, Reiter, Schleuderer und Bogenschützen bezeugt. In ihrer Vielfalt an Waffen, Werkzeugen und Geräten stellen die Oberhausener Funde den wohl größten und differenziertesten  Metallfundkomplex aus römischer Zeit dar. Die Zeitstellung dieses augusteischen Militärplatzes liegt etwa zwischen 8/5 v. Chr. und 6/9 n. Chr., einige Fundstücke machen die Anwesenheit von Soldaten noch bis um 16
n. Chr. wahrscheinlich.

Nach dem Ende der augusteischen Militäransiedlung verlagerte sich die römische Siedlungstätigkeit in Augsburg auf die Spitze der nach Norden reichenden schmalen Hochterrasse im Zusammenfluß von Lech und Wertach, gut zehn Meter über dem Talgrund erhoben. Der Siedlungsbeginn liegt hier um 10/15 n. Chr., also unmittelbar in der Endphase des Oberhausener Militärplatzes. War die Forschung früher von einer direkten Stadtgründung von Augusta Vindelicum ausgegangen, so zeichnet sich nach den Ausgrabungsergebnissen der letzten Jahre ein neues Bild ab: An der Ostseite der Hochterrasse bestand etwa von der Höhe St. Gallus bis auf die Höhe des Doms ein Militärkastell mit rund 320 m in Nord-Süd-Ausdehnung und mindestens 8-10 ha Fläche. Hier waren, wie eine Mannschaftskaserne und Ausrüstungsfunde zeigen, Teile einer Legion und eine Reitereinheit stationiert. An den beiden nach Südwesten und Nordwesten ziehenden Ausfallstraßen siedelten sich im 'Lagerdorf' Familienangehörige der Truppe, Händler und Handwerker an. Der Garnisonsort lag an der unter Kaiser Claudius 46/47 n. Chr. fertig ausgebauten Via Claudia Augusta, von Altinum an der Adria über Reschen- und Fernpaß ins Lechtal und weiter an die Donau führend. Die Kastellbauten weisen bis um 70 n. Chr. vier Bauperioden auf; wohl um 70 n. Chr. wurde der Platz nach einer Brandzerstörung vom Militär geräumt. Auf dem ehemaligen Kastellareal entwickelten sich nun bis um 100 n. Chr. weitere Holzbauperioden; die Ansiedlung besaß jetzt möglicherweise die Funktion eines 'Civitas-Vororts' der Vindeliker oder ihres Teilstammes der Licatier (Licca = Lech). Sich weiter ausdehnend und ab dem frühen 2. Jahrhundert n. Chr. mit Steinbauten ausgestattet, entstand hier spätestens unter Kaiser Trajan
(98-117 n. Chr.) die Provinzhauptstadt Rätiens mit dem Sitz des Statthalters als Vertreter des Kaisers. Zuvor dürfte Cambodunum/Kempten den Rang als Statthalter sitz in der Provinz Raetia eingenommen haben, der zentralen  Al penprovinz, die wohl schon von Tiberius (14-37), spätestens aber von Caius Caligula (37-41 n. Chr.) förmlich eingerichtet worden war.

Marktgebäude (macellum) mit Innenhof
Marktgebäude (macellum) mit Innenhof an der Stephansgasse, 2./3. Jahrhundert nach Christus, Rekonstruktionsvorschlag (Römisches Museum Augsburg)

Die rätische Provinzhauptstadt

Tacitus nennt in seiner Germania um 98 n. Chr. eine 'splendidissima provinciae Raetiae colonia', eine überaus glänzende Stadt in der rätischen Provinz. Früher wurde dieses Zitat auf die Hauptstadt Augusta Vindelicum bezogen, auch wenn dazu der Ortsname bei Tacitus nicht erwähnt wird. Allein Cambodunum/Kempten mit seinen großen öffentlichen Bauten wie Forum mit Basilika und Curia, Thermen und dem großen heiligen Bezirk mit zentralem Altar (für den Provinziallandtag?) kommt jedoch in Rätien für das  1. Jahrhundert dafür in Frage.  Unter Kaiser Hadrian, wohl um 121 n. Chr., erhielt  Augusta Vindelicum als 'neue' Hauptstadt Rätiens das Stadtrecht  eines 'municipiums'; der offizielle Name lautete von da an Munici pium Aelium Augustum oder Aelia Augusta. Hier residierte der Statthalter Rätiens, bis in die 70er Jahre des
2. Jahrhunderts ein 'procurator Augusti', an der Spitze der zivilen und militärischen Verwaltung der Provinz. Er kam aus dem Ritterstand; ihm unterstanden die in Rätien stationierten Auxiliartruppen, öffentliche Bauwerke, Gerichtsbarkeit wie auch Steuererhebung und Provin zialkasse (fiscus Raeticus). Zu seinem Stab (officium) zählte eine wohl 500 Mann starke Begleit truppe aus Reitern und Fußsoldaten (equites und pedites singulares); das 'tabularium', Finanzamt und Archiv der Provinz, war mit Freigelassenen und Sklaven besetzt.
Die Selbstverwaltung des Municipiums lag in den Händen des 'ordo decurionum', des Stadtrats, der wohl wie in anderen vergleichbaren Städten etwa 100 Mitglieder zählte. Zum Eintritt in den Rat benötigte man ein Mindestvermögen (census), dessen Höhe unbekannt ist. An der Spitze des Stadtrats stand ein Viermännerkollegium (quattuorviri), bestehend aus den 'duoviri iure dicundo', den Bürgermeistern, und den beiden Aedilen, zu deren Aufgaben die Polizeigewalt gehörte. Von inzwischen 14 Augsburger Ratsherren, darunter ein 'quattuorvir', besitzen wir Zeugnisse durch ihre Weih- oder Grabinschriften (jüngster Fund an der Hofer Straße im August 1998: Grabstein mit zwei 'decuriones' des Municipium Aelium Augustum). Mit ihrem Vermögen konnten die Dekurionen ihre Munifizenz ihrer Stadt gegenüber in vielfälti ger Art, z.B. in der Weihung von Götterdenkmälern oder im Bau und Erhalt von Tempeln und Heiligtümern, erweisen.

Ein zweiter Stand, zu Rang und Vermögen  gekommene Einheimische, Neuankömmlinge oder aus dem Sklavendienst Freigelassene, bildeten im Munici pium Aelium Augustum das jährlich neu besetzte Sechsmännerkollegium der 'seviri Augustales'. Zu ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten gehörten an erster Stelle die Ausübung des Kaiserkults, die Ausrichtung von Spielen und Festtagen sowie die Sorge für die Heiligtümer. Vier 'seviri Augustales' sind aus Augsburg bekannt: ein 'cives Trever' aus dem Trierer Land, ein Händler mit Purpurstoffen aus dem Orient, ein Pächter des Eisenerzbergbaus in Rätien und ein Rechtsgelehrter ('pragmaticus'; neu entdecktes Pfeilergrabmal des M. Aurelius Carus von der Hofer Straße, August 1998). Mit der Entsendung der dritten italischen Legion nach Rätien während der Markomannenkriege, die in Castra Regina/Regensburg 179 n. Chr. ihr Standlager erhielt, übernahm der ranghöhere Legionslegat die Statthalterschaft in Rätien. Er entstammte nun dem Senatorenstand und führte als 'legatus Augusti pro praetore' seine Dienstgeschäfte nach wie vor von Augsburg aus. Dies bezeugen mehrere Statthalterinschriften aus Augsburg, aber auch die Inschriften von Angehörigen der Regensburger Legion, die am Sitz des kaiser lichen Legaten ihren Dienst versahen.
Was ist archäologisch von der Stadt Augusta Vinde licum bekannt? Der bis jetzt vorliegende Stadtplan, von Ludwig Ohlenroth 1954 veröffentlicht, bietet noch ein sehr lückenhaftes Bild; auch scheinen die Straßenzüge und die eingetragenen Bauwerke nicht zeitgleich zu sein. Die Umwehrung der Stadt ist auf der Westseite mit dem Stadttor der nach Kempten und Bregenz führenden Fernstraße nachgewiesen. Rettungsgrabungen an der Langen Gasse deckten 1986-1988 die 2,5 m breit fundamentierte Stadtmauer auf. Sie war vermutlich im Zusammenhang mit der Bedrohung während der Markomannenkriege um 165/180 n. Chr. errichtet worden. Später, wohl im ausgehenden 3. oder im frühen 4. Jahrhundert, hatte man nach außen vorspringende Wehrtürme errichtet (bisher drei Türme ergraben: Lange Gasse und Heilig-Kreuz-Straße). Ausgrabungen an der Heilig-Kreuz-Straße (1988-1992) konnten die Überreste einer am Siedlungsrand liegenden Gewerbezone (u.a. Glasproduktion, Fibelherstellung, Falschmünzerei) und die später darüber angelegten Verteidigungsgräben der Stadtumwehrung aufdecken.

Nur wenige öffentliche Gebäude sind bisher erschlossen: An erster Stelle sind hier zu nennen die beiden in den dreißiger Jahren ausgegrabenen Thermengebäude an der Pettenkoferstraße und an der Georgenstraße. Der mutmaßliche Forumseingang konnte inzwischen im Stephansgarten entdeckt werden (1997/98). Die angrenzende Basilika, die Curia, Versammlungsgebäude des Stadtrats, der Statthalterpalast, die großen Tempelanlagen, u.a. der Tempel für die kapitolinische Trias, Amphitheater und szenisches Theater, sind bisher im römischen Stadtplan Augsburgs nur zu vermuten. Die Überreste eines ausgedehnten palastähnlichen Großbaus am Äußeren Pfaffengäßchen - alle Räume und Säle waren fußbodenbeheizt - mit fünf aufeinander folgenden Bauperioden vom frühen 2. bis ins frühe 5. Jahrhundert, können möglicherweise als Großtherme angesehen werden (Ausgrabung 1990/94). Rettungsgrabungen an der Stephansgasse erbrachten zwischen 1991 und 1993 den vierschiffigen, 72 x 45 m messenden Grundriß einer Markthalle mit Innenhof. Nur wenige private Wohn gebäude sind zu größeren Teilen ausgegraben, so ein Peristylhaus südlich des Doms. Ursache dieses insgesamt schlechten Forschungsstands ist zum einen die dichte mittelalterliche und neuzeitliche Bebauung, zum anderen die während des Hochmittelalters vorgenommene intensive Ausbeute der römischen Baureste bis tief in die Fundamente hinein, so daß aufgehendes Mauerwerk antiker Gebäude kaum mehr vorhanden ist und oft auch archäologisch nur schwer festgestellt werden kann.

Lebensgroßer Pferdekopf, wohl von einem Reiterstandbild für einen römischen Kaiser (Hadrian?), 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christus, Bronze vergoldet, gefunden 1768 am Augsburger Wertachufer
Vergoldete Bronzestatue des Genius Populi Romani, wahrscheinlich Fragment eines Standbildes mit Wagen des Kauser Claudius, Mitte 1. Jahrhundert nach Christus

Die Blütezeit der Hauptstadt

Dennoch läßt sich an Hand der überkommenen Baureste, der Steindenkmäler und Inschriften und des übrigen Fundmaterials ein Bild vom Glanz dieser römischen Provinzmetropole zeichnen. Die Stadt mit über 65 ha Fläche bot im 2. und 3. Jahrhundert etwa 10.000-15.000 Bewohnern Platz. Sie erlebte während der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts einen starken Aufschwung, wohl auch im Zusammenhang mit der Verleihung des munizipalen Stadtrechts; zu dieser Zeit wurde sie recht vollständig in Stein ausgebaut. Dazu mußte das Baumaterial über weite Entfernungen herangebracht werden: Tuff stein südlich von Augsburg bis aus der Gegend des Ammersees, Kalkstein aus den Steinbrüchen des Jura nördlich der Donau für Architekturstücke und Denkmäler.

Die öffentlichen Gebäude, wenn auch archäologisch bisher weitgehend unbekannt, waren mindestens so aufwendig und prachtvoll ausgestattet wie die schon im 1. Jahrhundert errichteten Großbauten von Cambodunum/Kempten. Mosaikfunde sind zwar bisher selten, aber doch mehrfach belegt. So bildet ein 1571 entdecktes, seither verschollenes Bodenmosaik mit Zirkus und Gladiatorenszenen, dessen Zeichnung von dem Augsburger Humanisten Markus Welser 1594 überliefert wurde, noch heute das herausragende Beispiel. Drei Räume eines Steingebäudes im Stephansgarten (1987) trugen geometrisch gegliederte Schwarz-Weiß-Mosaiken; an der Kilianstraße wurden 1997 farbige Mosaik reste entdeckt. Ihre größte Blüte erlebte die Stadt in der zweiten Hälfte des 2. und in den ersten Jahrzehnten des 3. Jahrhunderts; vor allem die Steindenkmäler dieser Zeit zeigen dies auf. Neben der zentralen Verwaltungsfunktion mit den zahlreichen in den Ämtern beschäftigten Soldaten, Beamten, Sklaven und Freigelassenen besaß Augsburg die führende wirtschaftliche Rolle im Alpenvorland. Sowohl der regionale Handel als auch der Fern handel mit teilweise weit entlegenen Provinzen hatten in Augsburg ihren Mittelpunkt; die Stadt war aber auch eine Drehscheibe für den Weitertransport von Luxusgütern. Mehrere Inschriften von Händlern (negotiatores), u.a. eines Geschirrhändlers, der auch Statuetten verkaufte, einiger Textilhändler und eines Purpurhändlers mit dem orientalischen Namen Euphrates verdeutlichen dies. Die Weihinschrift eines Augsburger Ratsherren des frühen 3. Jahrhunderts, der einen baufälligen Tempel wiedererrichten ließ, nennt seinen Beruf: Er war Schweinefleischhändler. Die überlieferten Namen von Händlern, aber auch viele Produkte zeigen deutlich die Verbindungen Augsburgs mit den westlichen Provinzen und mit Italien selbst, weniger aber Handelsbeziehungen mit den Donauprovinzen. Große Bedeutung besaß der Nahrungsmittelhandel. Öl, Fischsaucen und Wein kamen in Amphoren, Fässern und Schläuchen aus Ita lien, Südspanien und Südfrankreich. Möglich erscheint, daß die gallischen Transporteure (utriclarii) auf dem Rückweg in Rätien hergestellte Textilien zum Verkauf mitnahmen. Ein Reliefblock eines Grabmals zeigt die Verschnürung eines Textilballens durch vier Arbeiter mit ihrem Aufseher - vergleichbar dem Relief auf dem großartigen Pfeilergrabmal der Trierer Textilhändlerfamilie der Secundinier, der 23 m hohen 'Igeler Säule'. Ein weiteres herausragendes Beispiel aus dem wirtschaft lichen Leben in der Provinzhauptstadt bildet das 1973 aufgefundene Grabmal des Pompeianius Silvinus und seines Bruders Victor, zweier Weinhändler. Auf den Schmalseiten sind der Weinverkauf an der Straße und eine Zahlungsszene in der 'taberna' dargestellt. Das Grabmalrelief des Weintransports mit einem Ochsenfuhrwerk, geborgen 1990 an der Heilig-Kreuz-Straße, zählt zu den schönsten Transportbildern aus den römischen Provinzen. Durch ihre bei Brandkatastrophen verlorenen Verkaufsgüter sind ein Schmuck- und Fibelhändler an der Kornhausgasse, ein Händler mit Tonlampen am Äußeren Pfaffengäßchen, ein Geschirrhändler an der Heilig-Kreuz-Straße und ein Hufschmied am Fronhof (Rohlinge von eisernen Hufschuhen) archäologisch nachgewiesen. Weitere Hinweise gibt es für Töpferei und metallverarbeitende Handwerker.

Die Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Grund nahrungsmitteln übernahm die Landwirtschaft des Umlands. Eine dichte Streuung von 'villae rusticae', Gutshöfen recht unterschiedlicher Betriebsgröße, ist in der Umgebung der Hauptstadt archäologisch bekannt, beziehungsweise durch die Luftbildarchäologie gesichert. Beidseits der Hochterrassenkante nach Süden bestanden in Göggingen, Inningen und Haunstetten mehrere Bauernhöfe, von denen aus die Lößböden beackert und die Talauen für das Vieh genutzt wurden.

Einige größere, luxuriös ausgestattete Wohngebäude solcher Villen in der näheren Umgebung der Stadt (wie z.B. in Stadtbergen und in Friedberg) dürften als Sitz von Großgrundbesitzern anzusprechen sein, die sicherlich der Provinzaristokratie in Augusta Vindelicum angehörten. 'Vici', kleinstädtische Siedlungen und Dörfer im Umland der Stadt, waren vielfach auf besondere Gewerbe spezialisiert wie Töpferei und Ziegelei. In Westheim bestand ein kaiserlicher Ziegeleibetrieb auf einer vom Statthalter verwalteten Domäne. Voraussetzung für die im römischen Handel Süddeutschlands führende Rolle Augsburgs bildeten die gut ausgebauten Fernstraßen, die Augsburg mit Oberitalien, den gallischen und germanischen Provinzen sowie Noricum und den übrigen Donauprovinzen verbanden. Mehrere römische Straßenzüge zeichnen sich in Luftbildern im Südwesten Augsburgs bei Bergheim und Wellenburg, auf der östlichen Lechseite südlich Hochzoll und in Richtung Mühlhausen ab. Am Gänsbühl/Vincentinum wurde 1994 die hölzerne Kaianlage eines Hafens am Lech entdeckt, datiert auf die erste Hälfte und Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. Von zwölf Händlerinschriften aus dem rätischen Süddeutschland stammen allein acht aus Augusta Vindelicum. Berufs- und Händlervereinigungen (collegia), die oft auch Kultgemeinschaften darstellten, sind bis auf die Gemeinschaft der 'negotiatores municipii' bisher nicht bezeugt. Eine Niederlassung der Fernhändlervereinigung 'negotiatores cisalpini et transalpini' (belegt
in Köln, Lyon und Budapest) wird wohl auch in der rätischen Metropole existiert haben.

Eine Vielzahl von Götterdenkmälern, Statuen, Reliefs, Weihinschriften aus Stein und Statuetten aus Bronze und Ton verkünden in Augsburg nahezu den gesamten römischen Götterhimmel. Nur kleinere Kulträume sind bisher, sofern ihre Interpretation zutrifft, im Osten der Stadt archäologisch aufgedeckt worden; größere Tempel und Heiligtümer sind noch nicht erkannt. Allein von
Jupiter kennen wir aus Augsburg sechs Weihinschriften mit der Formel 'I(ovi) O(ptimo) M(aximo)', dem besten und größten Jupiter, beginnend. Eines der schönsten Denkmäler der Jupiterverehrung Süddeutschlands liegt mit dem Sockel einer im Jahr 203 n. Chr. geweihten Jupitergigantensäule vor. Eine 1984 gefundene Inschrift nennt uns die Aufstellung einer weiteren Jupitergiganten säule in Augsburg, ein Denkmaltyp, der in den gallisch-germanischen Provinzen überaus häufig, in Rätien jedoch bislang nur selten vertreten ist. Für Merkur, den Gott der Händler und Kaufleute, aber auch Gott der Diebe, kennen wir ebenso viele Weihinschriften aus Augsburg; hinzu kommen mehrere Reliefbilder, einige Statuetten und eine im Fragment vorliegende etwa halblebensgroße Bronzestatue. Eine Inschrift und mehrere Reliefbilder überliefern in Gersthofen, wenige Meilen vor der nördlichen Stadtmauer der Augusta Vindelicum gelegen, ein Heiligtum für Merkur an der zur Donau weiterführenden Via Claudia. Herkules, Mars, wahrscheinlich Diana und Apollo, der Waldgott Silvanus, von Bauern und Hirten verehrt, Vulkan, der Gott des Feuers und der Schmiede, die Götter der Wegeabzweigungen und
-kreuzungen, die Parzen, Schicksals- und Geburtsgöttinnen, sowie die Unterweltsgottheiten Pluto und Proserpina wurden in Erfüllung von Gelübden angerufen.
Zwei, vielleicht drei Inschriften an orientalische Gottheiten und zwei ägyptische Götterstatuetten aus Augsburg zeigen die auch hier im 2. und 3. Jahrhundert zunehmende Überlagerung der altrömischen Religion durch orientalische Kulte und Mysterien. Die Inschrift des um 196/197 residierenden Statthalters C. Iulius  Avitus Alexianus, Schwager des Kaisers Septimius Severus, war an Sol Elagabalus gerichtet, den Sonnengott seiner Heimatstadt Emesa in Syrien. Eine Votivplatte aus Marmor nennt eine Inschrift an die ägyptische Göttin Isis Regina. Möglicherweise stand auch eine in Zwiefalten aufgefundene Inschrift eines Statthalters der Zeit um 300 n. Chr. an den unbesiegten Sonnengott (Deo invicto Soli) ursprünglich in Augsburg. Im süd lichen Augsburger Nachbarort Königsbrunn bestand im 3. und 4. Jahrhundert ein Heiligtum des ursprünglich persischen Lichtgottes Mithras. Der Kaiser selbst fand vielfältige gött liche Verehrung. Das bedeutendste Zeugnis der Herr scherverehrung in Augsburg bildet der lebensgroße Pferde kopf eines Reiterstandbildes
aus Bronze mit Vergoldung, der 1769 am Ufer der Wertach aufgefunden wurde. In seiner hervorragenden Qualität erinnert der Augsburger Pferdekopf der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts an das Standbild des Kaisers Mark Aurel in Rom, aber auch an die Pferde von San Marco in Venedig. Ein bronzener, vergoldeter Genius populi Romani war Bestandteil eines triumphalen Kai serbildnisses samt Wagen - wohl des Claudius (41-54
n. Chr.). Die seit dem frühen 3. Jahrhundert übliche  Ver ehrungsformel 'in honorem domus divinae' (zu  Ehren des göttlichen Kaiserhauses) findet sich auf zahlreichen Augsburger Götterdenkmälern des 3. Jahrhunderts.

Ausgedehnte Gräberfelder der Provinzhauptstadt sind im Norden am Pfannenstiel, im Westen im Areal Frölichstraße/Rosenauberg sowie im Süden entlang der Via Clau dia bis in den Bereich von St. Ulrich und Afra bekannt. Der wohl ausgedehnteste Friedhof am Rosenauberg wurde jedoch kurz vor der Mitte des letzten Jahrhunderts beim Eisenbahnbau zerstört. Aufwendige Grabmäler säumten die Ausfallstraßen der Hauptstadt: Erhalten sind z.B. der Hauptblock eines größeren Grabpfeilers mit der Darstellung eines Ehepaares aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts; das Grabmal zweier Männer mit Schriftrollen in den Händen; ein mit 4,50 m Höhe fast vollständig erhaltener Grabpfeiler (aus Augsburg- Oberhausen) der Familie des T. Flavius Primanus und seines verstorbenen Sohnes Clemens, eines Soldaten der 3. italischen Legion, Schreiber (exactus consularis) am Statthaltersitz; das 1998 geborgene Pfeilergrabmal des Rechtsgelehrten M. Aurelius Carus (Hofer Straße, Oberhausen). Eine Gruppe von zehn Sarkophagen, meist in sekundärer Verwendung im spätrömisch-frühmittelalterlichen Gräberfeld bei St. Ulrich und Afra gefunden, belegt die innerhalb Rätiens vergleichsweise hohe Qualität der Steinmetzarbeiten im frühen 3. Jahrhundert. Mit ihren figürlichen Reliefs gehören sie der severischen Zeit und der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts an und bieten somit die ältesten Belege in Augsburg für den Übergang von der Brand- zur Körperbestattung. Neuere Grabungen im spätrömisch-frühmittalterlichen Friedhof bei St. Ulrich und Afra haben nach den in den 60er Jahren vorgenommenen Untersuchungen von Joachim Werner zwischen 1982 und 1985 mit rund 200 Bestattungen wiederum einen großen Teil des dortigen spätrömisch-frühmittelalterlichen Friedhofs freilegen können. Ausgrabungen 1985 und 1997/98 betrafen das westlich gelegene Gräberfeld an der Frölichstraße, auf dem einige Brandgräber des späten 1. Jahrhunderts sowie eine größere Zahl spätantiker Kör pergräber mit reichen  Bei gaben aufgedeckt wurden. Fundamente von zwei Grabbauten südlich von St. Ulrich und Afra (Kirchgasse und Kitzenmarkt) zeigen, daß entlang der Hangkante zum Lechtal südlich der Stadt aufwendige Grabmonumente errichtet worden waren.

Schatzfund
Schatzfund aus 52 römischen Goldmünzen, vergraben 163/164 nach Christus (Stephansgasse, 1978)
Altar an Victoria
Altar an Victoria aus Anlaß des Sieges über die Juthungen am 24./25. April 260 nach Christus (Gänsbühl, 1992)
Kindergrab
Kindergrab, 1. Hälfte 4. Jahrhundert nach Christus, mit Keramik und Glasgefäßen (Gräberfeld Föhlichstraße, 1985)

Bedrohung durch  Germanen und Spätantike

Die ersten Vorboten der Völkerwanderung, die Markomanneneinfälle an der oberen und mittleren Donau in den 70er Jahren des 2. Jahrhunderts, scheinen auch die Provinzhauptstadt betroffen zu  haben. Ein Schatzfund aus 52 Goldmünzen - 1978 bei St. Stephan gehoben - mit dem Prägezeitraum von Nero bis Mark Aurel und Lucius Verus besitzt als jüngste Emission zwei Aurei des Lucius Verus von 163/164 n. Chr. Daß Augsburg nach der Stationierung der Legio III Italica in Regensburg Statthaltersitz blieb, wurde schon erwähnt. Im frühen 3. Jahrhundert war nördlich des rätischen Limes ein neuer, gefährlicher Reichsfeind entstanden, der Stammesbund der Alamannen elbgermanischer Herkunft. Ob die ersten schweren Germaneneinfälle in die Provinz, besonders in das nördlich der Donau gelegene Limesgebiet, 233 n. Chr. auch Augsburg betroffen haben, erscheint fraglich. Dagegen dürften die Alamannenstürme der Zeit zwischen 259/60 und 277/78 n. Chr. die Stadt großflächig heimgesucht und zerstört haben.

Der 1992 am Gänsbühl aufgefundene Siegesaltar vom 11. September 260 n. Chr. überliefert eine zweitägige Schlacht (24./25. April) vor den Toren Augsburgs am Lech gegen Semnonen bzw. Juthungen, die zuvor plündernd in Italien eingebrochen waren. Im Verlauf des für den rätischen Statthalter siegreichen Kampfes wurden mehrere tausend aus Italien verschleppte Gefangene aus der Hand der Germanen befreit. Das Denkmal mit Inschrift und Reliefbildern von Mars und Victoria stellt das bedeutendste historische Zeugnis des römischen Augsburg dar. Erstmals ist hier die Zugehörigkeit Rä tiens zum 'gallischen Sonderreich' des in Köln herrschenden Gegenkaisers Postumus überliefert. Schreibt ein späterer Lobredner, daß unter Kaiser Gallienus (253-268 n. Chr.) Rätien verlorenging und Noricum und Pannonien verwüstet wurden, so dürfte dies weitgehend auch für Augsburg zutreffen. Sein Vater Valerian war 253
n. Chr. als Offizier von zusammengezogenen Truppen in Rätien zum Kaiser ausgerufen worden. Zwei Augsburger Ehreninschriften für die Kaiser Probus aus dem Jahr 281 und Diokletian 290 n. Chr. geben mit ihren lobpreisenden Texten indirekt Zeugnis vom Zustand der Provinz und seiner Hauptstadt: Probus als 'restitutor provinciarum et operum publicorum', Diokletian als 'fundator pacis aeternae'. Beide Ehreninschriften drücken eher die Hoffnung der Provinzbevölkerung nach ewigem Frieden aus als historische Realität; denn unter beiden Kaisern haben erneute Einbrüche von Alamannen das Land und seine Hauptstadt heimgesucht.

Die Sicherung der Provinzgrenze, inzwischen vom Limes auf Iller und Donau zurückgenommen, erbrachte ab dem frühen 4. Jahrhundert für einige Jahrzehnte Ruhe und Stabilität. Augsburg war jetzt, nach reichsweit vorgenommenen Provinzteilungen, Hauptstadt der 'Raetia secunda' (Flachlandrätien), Curia/Chur fungierte als Hauptstadt der 'Raetia prima'. Verwaltungsreformen trennten zivile und militärische Verwaltung strikt; der in Augsburg residierende 'praeses' der Raetia II besaß nur noch zivile Funktion; das militärische Kommando oblag für beide rätischen Provinzen einem General (dux). Die Anwesenheit ranghöchster Militärs ist durch den Fund (1897) von zwei vergoldeten Offiziershelmen - vielleicht der kaiserlichen Garde - in einer Kiesgrube im Westen Augsburgs nahe der Ackermannstraße für die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts belegt.

Die erneuten schweren Alamannen- und Juthungeneinbrüche in Rätien kurz nach der Mitte des 4. Jahrhunderts werden Augusta ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen haben; die energischen Anstrengungen Valentinians I., des letzten großen Festungsbauers an Rhein und Donau, und seiner Nachfolger brachten für wenige Jahrzehnte nochmals weitgehende Stabilität und kurzen Frieden. Unter Valentinian war die Straße zwischen Bregenz und Augsburg mit einer Kette von steinernen Wachtürmen (burgi) ausgebaut worden. Aus der Notitia Dignitatum, dem Staatshandbuch, erfahren wir, daß in Augsburg gegen Ende des 4. Jahrhunderts, vielleicht auch noch im frühen 5. Jahrhundert, eine Kavallerieeinheit des Grenzheeres (equites stablesiani seniores) stationiert war. Ein frühchristlicher Grabstein, das einzige Denkmal des ältesten Christentums aus Augsburg, scheint einige Truppenformationen des mobilen Feldheeres zu nennen, doch bedarf diese Inschrift dringend einer neuen Lesung und Bearbeitung. Wie die Verteilung des spätrömischen Fundstoffs, Münzen und Gefäßkeramik, angibt, blieb das Areal der Augusta Vindelicum während des 4. Jahrhunderts noch in seiner gesamten Fläche besiedelt; eine Reduktion auf den Südteil, in dem sich später die karolingische Bischofsstadt entwickelte, liegt nicht vor. Die Mauern der Stadt boten im 4. Jahrhundert der Bevöl kerung auf dem flachen Land Schutz und Niederlassungsmöglichkeiten; das Umland der Hauptstadt mit seinem ehemals dichten Netz von Gutshöfen und Kleinstädten scheint nach der Mitte des 4. Jahrhunderts ziemlich entvölkert gewesen zu sein.

Von der faktischen Auflösung der römischen Militär- und Zivilverwaltung nördlich der Alpen in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts war auch Augusta Vindelicum betroffen (späteste Funde der ersten Hälfte des
5. Jahrhunderts bei St. Stephan / St. Gallus). Gegenwärtige Grabungen Hinter dem Schwalbeneck haben römische Funde bis um die Mitte des 5. Jahrhunderts sowie alamannisch-fränkische Siedlungsreste aus dem 6. Jahrhundert in den römischen Ruinen erbracht. Hier scheint sich erstmals für Augsburg eine durchgehende Kontinuität von der Römerzeit in das frühe Mittelalter abzuzeichnen. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang, daß bisher keine frühchristlichen Kirchenanlagen aus spätrömischer Zeit sicher für Augusta Vindelicum nachgewiesen werden konnten: Gebäudespuren bei St. Gallus an der öst lichen Terrassenkante der Römerstadt, zeitweilig als Überreste einer Doppelkirchenanlage interpretiert, bedürfen dringend neuer archäologischer Untersuchungen. Hinweise auf einen Kirchenbau, allerdings erst aus der Merowingerzeit, gibt es für St. Ulrich und Afra, wo in einem Gräberfeld des 4. Jahrhunderts das Grab der Märtyrerin Afra verehrt wurde, die in Augsburg vermutlich der letzten großen Christenverfolgung unter Diokletian zum Opfer gefallen war. Venantius Fortunatus überlieferte ihre Verehrung für die Zeit um 565 n. Chr.; aus der Nähe ihres bisher nicht lokalisierten Grabes wurden bei den Krypta-Ausgrabungen von St. Ulrich und Afra die ältesten Augsburger Klerikergräber der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts erfaßt, die unter anderem mit Klerikerstiefeln, Krummstab, Reliquienschnalle und Knochenschnalle mit Bild des Jonaswunders ausgestattet waren. Hier - im Süden der Römerstadt - entstanden frühmittelalterliche Siedlungskerne der merowingischen und karolingischen Zeit. Mit dem Bau des Doms unter Bischof Simpert (778-807?) entwickelte sich schließlich im 8. Jahrhundert die Bischofsstadt mit einer archäologisch für das 9./10. Jahrhundert nachgewiesenen Befestigung aus Palisadenwall und Graben. Erst im Laufe des Hochmittelalters wurde das Areal der römischen Stadt wieder flächendeckend besiedelt.

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