Weimarer Republick und Drittes Reich



Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrats, 1919
Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrats, 1919
Nach der Niederbewegung: Regierungstruppen am Senkelbach unterhalb des Wertachbruckertores, Ostern 1919

von Gerhard Hetzer

Im Oktober 1927 wurde auch in Augsburg der 80. Geburtstag des Reichspräsidenten gefeiert. Das Bild der Veranstaltungen bestimmten diejenigen, die zur Jahrhundertwende schon das Erwachsenenalter erreicht hatten. Zwischen den Helmen und Mützen der Kriegervereine und Wehrverbände sah man zahlreiche Zylinder, Grauköpfe, Glatzen. Währenddem erkundeten aufmerksame Beobachter die Fenster, wo Fahnen in den alten Reichsfarben wie bei anderen Gelegenheiten landauf landab ein Zeichen gegen die republikanische Staatsform setzten. Bürgermeister Deutschenbaur ließ von Rathaus und Perlach die Embleme von Republik, Kaiserreich, Freistaat und Stadt einträchtig nebeneinander wehen, kam damit freilich nicht auf den größten gemeinsamen Nenner, sondern erntete wütende Kritik. Die Mehrzahl der beflaggten Privathäuser der Innenstadt wählte mit Weiß-Blau freundliche Neutralität, die Außenbezirke enthielten sich weithin jeglichen Fahnenschmucks.

Zwei Jahre zuvor hatte Hindenburg in direkter Wahl nicht die Mehrheit der Augsburger Stimmen erhalten. Für ihn hatten die alte Oberstadt und die westlichen und südlichen Erweiterungsgebiete des 19. und 20. Jahrhunderts gestimmt, nicht hingegen die Ostseite der Altstadt, die Arbeitervorstädte und der nördliche Halbkreis der eingemeindeten Vororte. Dort hatte der Kandidat des 'Volksblocks', unterstützt von den Sozialdemokraten und einer starken Minderheit der Volkspartei, seine Hochburgen gehabt. Zwischen den Stimmkreisen im Antonsviertel und im nördlichen Lechhausen schienen nach 50 Jahren allgemeinen Wahlrechts und entwickelten Parteienwesens Welten in der politischen Auffassung zu liegen.

Große Vergangenheit, nüchterne Gegenwart

Auch wenn erste Handgreiflichkeiten bereits das Klima der kommenden Jahre signalisierten, herrschte auf den politischen Feldern nach den stürmischen Zeiten von 1918 bis 1924 noch eine lauernde Ruhe. Die widerrufene Räteherrschaft und das durch militärisches Zweckdenken von außen beendete Lavieren zwischen den Lagern des Bürgerkriegsszenarios vom April 1919 hatte in der Stadt tiefe Gräben und unbeglichene Rechnungen hinterlassen. Bis Anfang 1922 hatte mit der Augsburger Stadtwehr eine Ordnungstruppe für das Niederhalten von Umsturz exerziert und zugleich dem Entwaffnungsdruck weiterhin feindseliger Kriegsgegner trotzen wollen. Die organisierte Arbeiterbewegung enthielt sich zwar nicht verbal, aber praktisch der revolutionären Politik und trug in den Jahren 1919/22 vor allem auf sozialem Gebiet Konflikte aus. Die zeitweilig starke Opposition aus den eigenen Reihen wurde im faktischen Bündnis mit denjenigen Teilen des Bürgertums bekämpft, zu denen bereits in den letzten Friedensjahren auch lokal Annäherungen stattgefunden hatten.

Augsburg also ein Abbild der Vorgänge anderwärts und in den viel gedeuteten großen Zusammenhängen? Natürlich lag die Stadt im Bannkreis der in München entschiedenen Politik, doch stets und überall mit Nuancen und der Neigung zu eigenen Seitenwegen. Im Vorfeld der Ausrufung der Räterepublik hatte es ein Wechselspiel von Veranlassung und Folge zwischen den revolutionären Gremien in München und Augsburg gegeben. Auch die Kampfzeit des Nationalsozialismus kannte Probleme zwischen Zentrale und Peripherie.

Wohl hatten Unklarheiten über die Ereignisse in München und eine Verhaftungsaktion der Polizei die Augsburger Nationalsozialisten am 9.11.1923 daran gehindert, beim Marsch auf die Feldherrnhalle dabei zu sein. Die Unruhen in den folgenden Tagen hatten freilich gezeigt, daß Adolf Hitlers Richtung über beachtlichen Anhang in der Stadt verfügte und gegebenenfalls einige tausend vorwiegend junge Leute auf die Straße bringen konnte. Die Ereignisse rund um den 'Hitler-Putsch' hinterließen auch hier einen dauerhaften Riß zwischen den Nationalsozialisten und der zur Freistaatsregierung loyalen Rechten, nicht unähnlich dem Bruch zwischen Räterepublikanern und Mehrheitssozialisten vom April 1919. Die einen gingen in eine Illegalität mit gelegentlich skurrilen Zügen, die anderen liefen zum Teil als Notpolizei Streife. Die Landtags- und Reichstagswahlen vom Frühjahr 1924 zeigten erstmals jene Erosionen in der Wählerbindung auf, die 1932 verstärkt wiederkehren sollten.

Bei aller Aufmerksamkeit, die Siegern zukam, nahmen manche der an den Oster-Kämpfen von 1919 beteiligten württembergischen Freiwilligen zwiespältige Eindrücke aus der Stadt mit: Jubel in Feiertagskleidern und eher versteckte Feindseligkeit, zum Teil eine Haltung wie die von Zuschauern vor einer Bühne mit schlechter Aktionskunst. Das Ärgern über Augsburg als Gestus - es fand, wie schon vor dem Weltkrieg, viele verschiedene Stimmen und ein entsprechendes Echo, von der Rezension des jungen Brecht bis zur in Fortsetzungsartikeln geschriebenen ersten Geschichte der völkischen Bewegung ab 1919. Für Gustav Landauer war die Revolutionsfeier, zu der ihn die USPD auf den letzten Märztag 1919 in den Ludwigsbau eingeladen hatte, 'ein elendes Spießbürger-Sonntagsvergnügen mit Militärmusik und Tingeltangelvorträgen'. In diesen Rahmen habe seine Rede nicht gepaßt. An der wiederum vermißte ein Beobachter für die heimische sozialistische Presse und den Soldatenrat 'das Große, Aufbauende, Zukunftsverheißende', das an Kurt Eisner begeistert habe.

1926 konnte Hans Steib als Leiter der kommunalen  Statistik und Pressearbeit auf die Frage 'Was ist Augsburg?' folgende Antwort geben: 'Augsburg ist das Bekenntnis zum Leben. Sein Stadtbild ist Lebenswille, Lebensbewußtsein, Lebensgesetz. Es ist voll von deutschem, gestaltendem, wahrhaft Goetheschem Geist. Es ist die Wahrheit des Wirklichen.' Lebendig sei es und fruchtbar, wie in einem zeitgenössischen Sonett ein Münchener Literat und Theaterkritiker befand, nicht tot, wie etwa das ruhmreiche Brügge. Und für Oskar Schürer, der neben Prag und Metz auch seiner Vaterstadt kunsthistorische und gleichsam biographische Studien gewidmet hatte, war noch das zerstörte Augsburg von 1945/46 die 'heimliche Königin der deutschen Städte'. Auch er war Jahrzehnte zuvor zwischen Krieg und Umsturz vom romantischen zum expressionistischen Lyriker geworden.

Der Anspruch, 'zweite Stadt des Königreiches' zu sein, hatte sich - in den ersten Jahrzehnten bayerischer Herrschaft noch durch die Einwohnerzahl gestützt - bereits im 19. Jahrhundert unter Einbußen überregionaler Wirksamkeit nicht mehr halten lassen. In den Wachstumsjahrzehnten zwischen 1871 und 1910 hatte sich die Bevölkerung Nürnbergs vervierfacht und die Münchens weit mehr als verdreifacht, jene Augsburgs hingegen nur verdoppelt. Das Bewußtsein des Zurückfallens im Wettbewerb war gewachsen, nachdem sich anderswo mehr und dies dann auch noch schneller tat - doch war es ein langer Weg zu dem nach 1918 in den Münchener Zentralbehörden konturierten und von der hauptstädtischen Presse grundierten Bild Augsburger Weinerlichkeit nach außen und Dumpfheit im Innern, hin zur Skala der Klagen von der Benachteiligung im Eisenbahnfahrplan über die Behinderung im Ausbau der Bildungseinrichtungen und zur Geringschätzung des Kulturlebens. Die Republik schien nun nach dem zu greifen, was das Königreich nicht hatte in Frage stellen müssen, nämlich die bisherigen mittelbehördlichen Strukturen: Kreisregierung, Oberlandesgericht, die Direktorialbehörden von Post und Bahn, aber auch Handelskammer und Börse in einer Stadt mit schwächelnden Industrien und wenig Handel bei großer Handelstradition.

Eine 1914 noch weitgehend geschlossene lokale Wirtschaftsstruktur war aufgebrochen, in den großen Konzernen fielen Entscheidungen außerhalb des Standorts. Die Bedeutung als Industriestadt und als selbst nachgeordneter Handels- und Bankenplatz schien in Frage gestellt. Der Mediatisierungsdruck hatte offenbar Kontinuität. Zu Jahresende 1934 fiel mit der Augsburger Börse ein jahrhundertealtes Forum lokaler Wirtschaftsbeziehungen und ein Hauptnotierungsort deutscher Textilpapiere. Das Reichswirtschaftsministerium vereinheitlichte hier zugunsten der Münchener Börse.
Die Ersten Bürgermeister der Jahre 1919 bis 1933 gehörten der Partei an, die auch für die Landespolitik verantwortlich war. In den Parteien, die mit der BVP in der Kommunalpolitik über Jahre hin zusammenarbeiteten, lebte der Anti-Ultramontanismus der Vorkriegszeit und manches vom kulturkämpferischen Erbe des Liberalismus fort, der als Parteiung selbst nur noch eine Nebenrolle spielte. Dabei zeigten sich diejenigen Segmente der Vorstadt- und Vorortbevölkerung, die der Erinnerung an das Königtum und einer auf der katholischen Kirche gemauerten Ordnung verbunden waren, als nicht weniger stark als in der Kernstadt. Die zunehmend rauhere Witterung in Reichs- und Landespolitik konnte man seit 1928 auch in der Kommunalpolitik und in den bisherigen Blockbildungen des Stadtrates verspüren.

Die Eingemeindungen von 1910/16 mit einem Zuwachs von rund 40.000 Einwohnern hatten den Charakter der Arbeiterstadt verstärkt, deren verallgemeinerte Sozialdaten denen von Industriestädten an Rhein und Ruhr, in Sachsen oder an der norddeutschen Küste ähnelten. Der Kernstadt war eine nun interne Auseinandersetzung mit Problemen und Forderungen des Vorortgürtels aufgezwungen. 1925 hatte Augsburg unter den bayerischen Großstädten die niedrigste Quote an Schülern höherer Bildungsanstalten - weit zurück hinter Nürnberg und München oder selbst dem von Schloten beherrschten Ludwigshafen. Die einstige Pressestadt wies unter ihren Einwohnern weniger Beschäftigte im Verlagswesen auf als irgend eine andere Großstadt in Süddeutschland und weniger bildende Künstler, Schauspieler oder Musiker. Augsburg hatte nach diesem Maßstab aber auch den geringsten Anteil an Ingenieuren und Architekten.

Karl-Wahl-Siedlung
Karl-Wahl-Siedlung an der Haunsttter Straße, 1934-1936

Kommunalpolitische Wanderwege

Der Stadtplan von 1920 zeigt weite Flächen ehemaliger Gartengüter im Norden und Nordwesten der Altstadt, am Pfannenstiel und jenseits des Klinkerbergs noch als Grünland. Rechts der Wertach war die Bebauung noch nicht bis an die Fabrikgelände von Riedinger und M.A.N. herangerückt. Oberhausen bestand im wesentlichen noch aus dem alten Ortskern und dem Anrainerviertel zur Wertachvorstadt. Wandte man sich von dem damals noch nördlich der Ulmer Straße gelegenen Vorortbahnhof zwischen den nach Nürnberg und Ulm führenden Bahnlinien zum neuen Gaswerk und stieg auf eine Aussichtsplattform, so übersah man im Nordwesten, Westen und Süden weithin unbebautes Gelände. Bis zu den Kirchtürmen von Kriegshaber und Stadtbergen war der Blick frei, im Süden begann jenseits des Großen Exerzierplatzes erst bei den Fabriken von Pfersee wieder dichteres Mauerwerk. Größere Bautätigkeit in Neukriegshaber, aber auch in Oberhausen-Nord oder in der Firnhaberau und an der Derchinger Straße stand erst bevor.

Ging man vom Hauptbahnhof durch die Unterführung in Richtung Luitpold-Brücke, so sah man zur Rechten nur Schrebergärten, während linker Hand die Bebauung von Rosenauberg und Thelottviertel bereits weit fortgeschritten war. Vom Wittelsbacher Park fiel der Blick jenseits der Wertach auf die neuen Wohnviertel in Pfersee mit der hochragenden Adalbert-Schule als südlichem Abschluß. Nahm man den Weg durch den Stadtgarten zur Hindenburgstraße und wandte sich nach Süden gegen Göggingen oder in Richtung Bismarckviertel, so kam man, entlang bürgerlicher Wohnhäuser, Fabriken und Militärbauten durch Viertel, die wenige Jahre zuvor vor allem von Soldaten und Rüstungsarbeitern bevölkert waren. Jetzt war mit der Demobilisierung und Entwaffnung bleierne Stille eingezogen. Daß Augsburg eine Stadt inmitten eines Landes war, das einen Krieg verloren hatte - in den im Kaiserreich entstandenen Wohngebieten der bürgerlichen 'Neustadt' mit ihren zunehmend verarmenden Beziehern von Besoldungen und Pensionen war dies auf Schritt und Tritt spürbar.

Immerhin wurde südlich der Infanterie-Kaserne im Anschluß an schon bestehende Eisenbahnerblocks ein neues Wohngebiet entwickelt. Südlich der Ausfallstraße nach Friedberg war die Siedlung Spickel im Entstehen, ein Gegenentwurf zur Großblockbauweise, die den Initiatoren dieser Gartenstadt als Produkt der Bodenspekulation und als Schoß kollektivistischer Denk- und Lebensweisen galt. Östlich des Lechs lag mit der Friedbergerau, der Meringerau und der Vorstadt Lechhausen die ehemals oberbayerische Peripherie, die bis 1919 noch im Rahmen des Stimmkreises Friedberg gewählt hatte. Die Arbeiterwohnviertel südlich und westlich des Bogens von Neuburger und Blücherstraße glichen einem sich allmählich ausweitenden Brückenkopf der großen Stadt, der hier einer noch bis in das Unterzentrum hinein betriebenen Landwirtschaft begegnete.

Das nördliche Lechhausen und die Industriegebiete auf der 'Augsburger' Lechseite, an den Unterläufen von Proviantbach, Stadtbach und Senkelbach, verband nur ein morgens wie abends und zum Schichtwechsel dichtbevölkerter Steg. Als Wohnbereich war die Bedeutung der Kernstadt schon seit den Vorkriegsjahren fast beständig geschwunden, auch ihre absoluten Bevölkerungszahlen sanken. Immerhin sollte 1935 noch jeder vierte Augsburger in den reichsstädtischen Litera-Bezirken wohnen. Am Ostabhang der Oberstadt, zumal um die Barfüßer-Kirche, war diese Vergangenheit vor den abblätternden Rückwänden der Prachtbauten am ehesten noch lebendig, in Gassen, bewohnt von älterem, jetzt inflationsgeschädigtem Wohlstand, von Handwerkern, Ladenbesitzern, Schankwirten und Kleinrentnern, mit höherem Protestantenanteil, ein Nebeneinander von Frommen und miefiger Halbwelt.

Die Altstadt, die Wertachvorstadt und die Altbauviertel der Vororte waren die Abgabegebiete für neue Quartiere. Die genossenschaftliche und kommunale Wohnraumbeschaffung mit ihren Wohnhöfen zwischen Luitpold-Brücke und Holzbach, in Lechhausen, Oberhausen-Nord und im Hochfeld erreichte 1928/29 ihren Höhepunkt. Nach dem Einbruch der Krisenjahre und der Lähmung der Förderung mit öffentlichen Mitteln erfolgte seit 1933 der Weiterbau der Großblocksiedlungen lediglich in Vollendung bisheriger Planungen oder zur Schließung von Baulücken. Die Neubaugebiete des Dritten Reiches bevorzugten hingegen im Blockbau reduzierte Maße, etwa im Bereich der Volkswohnungen der 'Neuen Heimat' im Hochfeld und im Bärenkeller, oder die Kleineinheiten von Ein- bis Vierfamilienhäusern, von der 'Siedlung des Volkes' bis zu den vorstädtischen Gartensiedlungen, wie sie in der Firnhaberau und der Hammerschmiede begonnen worden waren und nun im Bärenkeller und an der Kleestraße weitergeführt wurden.
Wohnungsbau gehörte zu den Schwerpunkten der Kommunalpolitik ab 1933, bei steigendem Anteil gemeinnütziger Unternehmungen. Die Zahl fertiggestellter Wohnungen und erteilter Baugenehmigungen war allerdings seit 1938 wieder rückläufig. Erhöhte Familienneugründungen und Zuzug von außen - Augsburg hatte zwischen 1933 und 1939 unter den bayerischen Großstädten das relativ höchste Bevölkerungswachstum, wozu auch Geburtenüberschüsse beitrugen - führten am Vorabend des Krieges zu verschärfter Wohnungsknappheit. Das Gemeindeumschuldungsgesetz vom September 1933 und Stillhalteabkommen mit den Gläubigern erlaubten 1934 die Deckung des in der Endphase der Weimarer Republik nicht mehr abgeglichenen städtischen Haushalts. Der Rückgang der Wohlfahrtslasten und eine erhebliche Steigerung der Steuereinnahmen erweiterten in den folgenden Jahren den finanziellen Spielraum.

Die Planung für Repräsentationsbauten, konkretisiert in einem im Dezember 1934 ausgeschriebenen Ideenwettbewerb für eine neue Stadthalle am Stadtgarten, war zunächst an den Möglichkeiten des Haushalts und an bislang zurückgestelltem, jedoch seit Jahren spürbarem Bedarf ausgerichtet. Die von Adolf Hitler persönlich mit einigen Zeichenstrichen angestoßenen Neukonzeptionen richteten sich auf eine Umgestaltung des gründerzeitlichen Straßenzuges an der Westflanke der ehemaligen Reichsstadt zwischen Klinkertorplatz und Kaiserplatz. Geplant waren neben der Stadthalle ein Gauhaus mit Forum und Glockenturm, ein Operngebäude, rund um den neugestalteten Theaterplatz auch Bauten der Reichspost sowie der Kredit- und Versicherungsbranche. Verwirklicht wurden 1938/39 der Um- und Erweiterungsbau des bestehenden Theaters, die Veränderung des Portals am Justizgebäude sowie der Teilausbau der 'Straße des Führers' zwischen Königsplatz und Kasernstraße. Zum sechsten Jahrestag der Machtübernahme in Bayern begonnen, litt auch dieses Projekt schon bald unter dem Abzug von Arbeitskräften und Baumaterial an den Westwall.

Die Eingemeindungsfrage, in den ersten Nachkriegsjahren wieder im Gespräch mit den südlichen und südwestlichen Nachbar-Kommunen, war nach 1925 in den Hintergrund gerückt. Als die Stadt nun zehn Jahre später erneut Raumbedarf anmeldete, stieß sie auf zäheres und geschickteres Widerstreben als ehedem - Zeugnis eines Selbstbewußtseins, das in den Stadtrandgemeinden durch eigene Entwicklung und im Zeichen des 1919 verbreiterten Kommunalwahlrechts gewachsen war. Von 1925 bis 1936 hatte sich die Einwohnerzahl Stadtbergens mehr als verdoppelt, jene von Neusäß nahezu verdreifacht. Seit 1933 war Haunstetten um 19 Prozent, Gersthofen um 18 Prozent gewachsen, und dieses Wachstum sollte in den nächsten Jahren anhalten. Die seit 1935 fortentwickelte Raumplanung für Augsburg mit ihrem Ehrgeiz im Bereich des Straßen-, Eisenbahn-, Luft- und Wasserverkehrsnetzes forderte die Einbeziehung des Umlandes. 1939 bekam die Stadt von Reichsstatthalter und Reichsinnenminister die Einwilligung für eine großflächige Lösung dieses Problems in einem Umfang, den nicht einmal die Eingemeindungen von 1972 erreichen sollten. Was der Kriegsausbruch dann verhinderte, kam nach 1945 erneut zur Sprache: Eine städtische Denkschrift vom Herbst 1946 argumentierte im Grundsatz nicht anders als jene von 1935 - ohne daß eine rasche Umsetzung erfolgt wäre.

Theaterankündigung 1922: Bert Brecht, Trommeln in der Nacht" in Augsburg
Theaterankündigung 1922: Bert Brecht, Trommeln in der Nacht" in Augsburg

Kunst und Unterhaltung in  gewittrigen Zeiten

Im kulturellen Bereich hatte das neue Stadtregiment von 1919 mit Reformen begonnen; diese gingen einher mit einer Kommunalisierung von bisher durch Privatleute und Vereine erfüllten Aufgaben, angefangen bei der Volkshochschule über die Stadtbücherei und die Weichenstellung für eine höhere technische Lehranstalt bis hin zum städtischen Orchester. Federführend für diese Politik war der von der SPD gestellte Zweite Bürgermeister Friedrich Ackermann, Rechtsanwalt aus dem pfälzischen Edenkoben und Anfang 1919 für einige Wochen letzter bayerischer Gesandter in Wien.

Zu den städtischen Regiebetrieben gehörte nunmehr auch das Theater. Kontinuitäten auf dem Spielplan dieser gründerzeitlichen Bühne, an der der junge Brecht sich rieb, waren, wie andernorts auch, Opern von Wagner, Weber und Beethoven, die 'Fledermaus' von Johann Strauß und Dramen von Schiller und Lessing. In den politisch und sozial brodelnden Jahren ab 1918 - wie in allen Umbruchszeiten mit viel Bewegung im Sprechtheater - ließ die lockere Hand des inflationierten Geldes noch Platz für weitere Bühnen in Augsburg, etwa für das Metropoltheater an der traditionellen Unterhaltungsstätte am Schießgraben. Der rasche Geldwertverfall machte hier überall ein Ende, er hinterließ auch breite Schichten des herkömmlichen Theaterpublikums verarmt.

Die nach der Jahrhundertwende herangewachsene Jugend hatte auch andere Freizeitpräferenzen. Binnen weniger Jahre hatte sich der Kinomatograph einen Dauerplatz im Wochenendvergnügen erobert. Von 1912 bis 1918 verdreifachte sich die jährliche Besucherzahl der Augsburger Lichtspiele auf annähernd 1,3 Millionen. Höhepunkte Augsburger Kinogeschichte waren, gemessen an der Zahl der Filmtheater und dem Zuspruch des Publikums, die Jahre um 1928/30, 1939/41 und schließlich wieder 1957/60, jeweils markiert durch die Eröffnung neuer Säle. Das berühmte 'Emelka' am Backofenwall erlebte als Neubau den Übergang zum Tonfilm, den geschwundenen Freizeitwert einer Kinokarte in den 1980er Jahren sollte es nicht überleben.

Das Augsburger Stadttheater hatte alsbald hektische Zeiten, manchen Skandal und Entrüstungsstürme aus verschiedenen Richtungen in der Augsburger Presse zu überstehen, als mit den Gastvorstellungen der Münchener Kammerspiele unter Otto Falckenberg ab 1924 expressionistische und naturalistische Stücke mehr und mehr den Schauspielplan beherrschten. Unter dem Intendanten Lustig-Prean (1927-1932) gelangte Augsburg mit einer Fülle von Inszenierungen auch im Opern- und Operettenbereich gar in den Ruf einer fortschrittlichen Theaterstadt mit gutem Boden für Erstaufführungen.

Der Theater- und Konzertbetrieb des Dritten Reiches brachte eine klare Absage an den 'Modernismus' der vergangenen Dekade und verwies Werke jüdischer Autoren und Komponisten von den Bühnen: mehr Klassiker in allen Gattungen, auch in der Operette, ab Ende 1932 im Schauspiel die ersten Stücke nationalsozialistischer Dramatiker. Das Musiktheater auf der Freilichtbühne erlebte von 1934 bis 1939 - anschließend sollte der Betrieb bis 1946 ruhen - etliche Glanzpunkte, wenn etwa Richard Strauß und Hans Pfitzner dort in Aktion traten.
1923 und 1924 verstarben mit August Vetter und Hans Nagel zwei bodenständige Literaten, lockerer Polyhistor der eine, bemühter Festspielautor und Lyriker der andere, dessen Verse aus Kriegs- und Nachkriegsjahren teilweise über die Zeiten hinweg berühren. Bei allen Unterschieden hatten sie als Altersgenossen ihre Herkunft als junge protestantische Zuzügler, ihre Bezüge zur reichsstädtischen Geschichte und die Vermögenslosigkeit am Todestag gemeinsam. In diesen Jahren publizierten auch einige wenige und wenig beachtete Vertreter einer Augsburger Mundartliteratur. In einer Stadt an der Grenze und Stadt für sich, der Zuwanderer und der sozialen Distanzierung, kam das Idiom, in der Fremde durchaus ein Erkennungszeichen, nur schwer zu eigener Poesie, auch wenn die Arbeiterschaft als die inzwischen am meisten autochthone Bevölkerungsgruppe beim Hören fremder Zungenschläge gern auf Distanz und Abwehr ging. Daß die jungen Damen in den Augsburger Kaffeehäusern sich des Hochdeutschen befleißigten - ganz anders als die Mädchen seiner Bamberger Heimat -, mußte vor 1914 der Redakteur der Augsburger Postzeitung, Hans Rost, konstatieren. 1925 war es wohl auch nicht anders. Der Mundartdichter Wilhelm Wörle etwa, seit 1938 Lehrer an Augsburger Volksschulen, war, wie einst der Postsekretär Georg Mader, zunächst ein Sprecher der stadtabgewandten Landschaft.

Gleichwohl hatte eine in ihrem Selbstbewußtsein gekräftigte Volksschullehrerschaft im kulturellen Leben der Stadt seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Bedeutung erlangt - stets in engem Konnex mit Einrichtungen der Volksbildung. Mit dem Bayerischen Schulmuseum samt eigenem Verlag und einer umfangreichen Lehrmittelsammlung verfügte sie in der Jesuitengasse über eine gewachsene Gemeinschaftseinrichtung, die ebenso wie die Bestände des Naturwissenschaftlichen Museums am Kesselmarkt und des Museums der Bauschule im ehemaligen Heilig-Kreuz-Kloster zu den Verlusten des Bombenkrieges zählen sollte.

Aus den Reihen der Lehrerschaft kamen einige Autoren, die überwiegend in literarischen Kurzformen für Anbruch und Fortgang des Dritten Reiches eintraten, freilich nicht öffentliches Augenmerk erreichten wie der Nationalpreisträger und Kultursenator Richard Euringer. Schwäbische und hochdeutsche Lyrik besang einen politischen deutschen Frühling und den Ruhm der Westwallarbeiter. Dichtung, wie sie Gertrud von LeFort 1935 in der Literarischen Gesellschaft vor ausverkauften Sitzreihen vortrug oder ein lokaler Autor wie Gustav Böhm publizierte, wurde in der Presse hingegen als rückwärtsgewandt, dem Lebensgefühl der neuen Zeit nicht entsprechend kritisiert. Daneben gab es auswärtige Autoren, die die Augsburger Geschichte als Thema aufgriffen. Ein vielgelesener und auch übersetzter Verfasser historischer Romane und Biographien wie Karl Bartz wählte 1937/40 eine Augsburger Kaufmannsfamilie zum Aufhänger für Geschichten aus dem Dreißigjährigen und dem Siebenjährigen Krieg. Die 1939/40 erschienenen Romanbände Eugen Ortners über die Fugger erreichten binnen dreier Jahre fünf Auflagen.
Klassik und Volksmusik wurden die Säulen im Musikprogramm des im Januar 1935 im Börsengebäude eingerichteten 'Ostschwaben-Senders'. Nach einem kurzlebigen Versuch von 1927, neben der Station in Nürnberg auch in Augsburg einen Regionalsender des Münchener Rundfunks zu etablieren, war dies der zweite Anlauf für ein Regionalprogramm. Damals hatten sich laut Statistik über hundert Einwohner vor einem Radioapparat gedrängt, jetzt nur noch neun. Als neues literarisches Medium war das Hörspiel entstanden. Die erste Direktübertragung zeigte freilich die Verständnisschwierigkeiten kerniger schwäbischer Dialekte im reichsweiten Empfang. In einer Arbeitsgemeinschaft für die Programmgestaltung saßen Vertreter kulturpflegerischer Einrichtungen und eingeführte örtliche Fachkräfte mit Vertretern der Kulturpolitik der NSDAP zusammen. Die Leitung von Arbeitsgemeinschaft und Sender übernahm der Funkwart bei der schwäbischen Gauleitung, dessen weitreichende Pläne die Popularisierung des Rundfunks mit der Programmschöpfung auch in schwäbischen Kleinstädten verbinden wollte. Als er im Sommer 1936 über einen Skandal zu Fall kam, neigte sich auch diese Phase der Augsburger Rundfunkgeschichte ihrem Ende zu.

Mediokrität in der Augsburger Architektur der 1960er und 1970er Jahre kann sich nicht auf Diskussionsdefizite in früheren Jahrzehnten berufen. LeCorbusier wurde durchaus kritisch rezipiert, ebenso die Konzepte des Bauhauses, die Gropius 1927 anläßlich des Gründungsjubiläums des Schwäbischen Architekten- und Ingenieurvereins vorgetragen hatte. Der Anfang 1932 an die Öffentlichkeit getretene 'Bund für Gestaltung' erstrebte eine Zusammenarbeit von Architekten, Künstlern und Handwerkern, neue Wege im Siedlungsbau und bei Werkstoffen, auch die Anknüpfung an lokales Herkommen bei zunächst noch trostloser Auftragslage. Unter dem Vorzeichen der einheitlichen ständischen Organisation vor Ort besetzte der zunächst konkurrierende 'Bund' bei der Neuwahl der Vorstandschaft der 'Ecke' im November 1934 wesentliche Positionen.

Die Geschichte der Vereinigungen von Künstlern und Kunstfreunden während des Dritten Reiches ist hochdifferenziert, in ihren Nuancen nur aus den jeweiligen Vorgeschichten erklärbar und meist weit weg von Selbstdarstellungen aus der Zeit nach 1945. Der Augsburger Kunstverein führte nach 1925 durchaus Nachimpressionisten ein. 1934/35 waren noch Werke von Schmidt-Rottluff, Slevogt und Caspar zu sehen. Der Kampf zwischen Modernismus und den traditionellen Richtungen in der bildenden Kunst hatte zahlreiche lokale Schauplätze, zumal dort, wo es Kunstförderung aus öffentlichen Mitteln gab und wo rückläufige Besucherzahlen als wachsende Abneigung des Publikums gegen die Abstraktion gedeutet werden konnten. Er wurde etwa in Ulm heftiger ausgetragen als in Augsburg, fand gleichwohl aber auch hier statt.

Für die Schau regionaler Gegenwartskunst, die im Juni 1937 im Rahmen der Ersten Schwäbischen Gaukulturwoche im Kunstverein stattfand, hatte die von der Gaupropagandaleitung bestimmte Jury auch Plastik Edwin Scharffs zugelassen, der drei Wochen später in den Münchener Hofgartenarkaden als Vertreter 'entarteter Kunst' präsentiert wurde. Nach dem Besuch der Ausstellung ließ der Zweite Bürgermeister einige ihn nun störende Bilder aus städtischen Amtsräumen entfernen. Daß in den öffentlichen Sammlungen Augsburgs keine Kunstwerke konfisziert wurden und sich die Beschlagnahmeaktionen in Bayern insgesamt in Grenzen hielten, rührte her aus einer die 'Modernen' nicht schätzenden Erwerbspolitik vor 1933, die bewußt Kontrapunkte zur Kulturpolitik in Preußen und Sachsen hatte setzen wollen.

Die 'Ecke' hatte in dem 1926 von Stadtbaurat Holzer gebauten Künstlerhof am Pfaffenkeller ein eigenes Werkzentrum. Ihre Mitglieder, darunter zahlreiche seit den 1920er Jahren bekannte Namen, und Lehrer der Kunstschule bestritten ab 1933 weiterhin einen Gutteil des Ausstellungsgeschehens, zum Teil in Neuorientierung bei Themen, seltener im Stil. Der Typus des dominant politischen Künstlers war kaum vertreten. Politisierung vollzog sich vielmehr über Arbeiten von Künstlern, die zuvor, zeitgleich und später auch anders konnten und jetzt Horst-Wessel-Büsten modellierten, Räume von Ministerien und Schulungsstätten ausmalten oder zu internationaler Repräsentation das Hoheitszeichen des Reiches in Mosaik auslegten. Die wiederauflebende Fassadenmalerei hatte, die lokale Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts aufgreifend, in der Neubemalung des Weberhauses am Moritzplatz durch Otto Michael Schmitt und Josef Hengge in den Jahren 1935/36 ein bis in die Kriegsjahre hinein richtungweisendes Beispiel. Schmitt erhielt hier die nicht häufige Gelegenheit, am gleichen Objekt seine Wandlung darzutun: Rund 25 Jahre später bemalte er, inzwischen Präsident der Nürnberger Akademie, das wiederaufgestockte Weberhaus mit verändertem Programm und ohne sich in seinem Duktus einem künftigen Vergleich mit den 1944 zunächst erhaltengebliebenen Resten von seinen und Hengges Gemälden stellen zu müssen.

Besuch Hitlers am 19. März 1937 in Augsburg

Politischer Umbruch und kurzer Friede

Der Prozeß der Gleichschaltung des öffentlichen Lebens war äußerlich in vielen Bereichen, in Entscheidungsgremien oder in der Presse schon im Sommer 1933 vollzogen, manchmal benötigte er auch noch Jahre. Bei Vereinen und Verbändenwirkten oft die Vorgaben der bereits ausgerichteten Dachorganisationen; Fusionen und Auflösungen taten ein übriges. Die politische Durchdringung hatte viele Gesichter und Wege, von denen Gewalt nur einer war. In den genossenschaftlichen Wohnblocks und Gartensiedlungen zog sich vor allem dort, wo die freien Gewerkschaften vor 1914 ihren Einfluß begründet und in den 1920er Jahren ausgebaut hatten, das Zurückdrängen der alten Anteilseigner über Jahre hin, manchmal unter Nutzung von bereits vor 1933 entstandenem internem Gruppenstreit.

Es gab auch Selbstbehauptung. Beispiele fanden sich im Ausbau kirchlicher Seelsorgestrukturen im Gürtel der neuen Vororte, einschließlich des Kirchenbaus, und als Detail dabei, gerade in Augsburg, in den mittelfristigen Erfolgen des katholischen Pfarrbüchereiwesens gegen die von der NSDAP geförderten, mit städtischen Zuschüssen und Spendenmitteln auf den Weg gebrachten Volksbüchereien.

Warum wohl sei in Augsburg der 'deutsche Gruß' so wenig zu sehen? Gründe hierfür suchte der Kommentator der 'Neuen Nationalzeitung' im Dezember 1934 in der 'Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit, Scham oder Opposition [und] wahrscheinlich von jedem etwas'. Aber war es nicht einfach die Nüchternheit der Bevölkerung einer alten Stadt, in deren Lebensgefühl das Wissen mitschwang, daß nichts vom politischen Tagesbetrieb auf ewig gebaut war? Dieses und andere Unmutsäußerungen oder die verhältnismäßig vielen 'Nein'-Stimmen und Enthaltungen bei den Wahlen und Abstimmungen 1933/34 dürfen nicht täuschen: Die im März 1933 geschaffenen und in den folgenden beiden Jahren gesicherten Tatsachen waren nie ernsthaft in ihrer Konsistenz oder durch eine verfolgte und entmutigte Opposition gefährdet, zumal eine Rückkehr zur Weimarer Demokratie weithin keinen Kredit hatte. Hitler hatte auch in Augsburg viele leidenschaftliche Anhänger, denen die Erfolge seiner Politik gewichtiger Teil ihres eigenen Lebens waren, und noch viel mehr, die ihm als legitimer Obrigkeit gehorsam sein wollten, auch wenn ihnen vieles an seiner Partei mißfiel.

Die neu entstandene Wehrmacht nutzte die Einrichtungen der alten Armee, sie benötigte überdies Unterkünfte, Depots und Übungsplätze an den Rändern der jetzigen Stadtentwicklung. Von 1934 bis 1938 entstanden Kasernen für Infanterie, Panzerjäger, Luft- und Heeresnachrichtentruppen sowie Flak, die zum Teil nach Schlachtfeldern des Weltkrieges - Somme, Arras, Vimy - benannt wurden. Im Rahmen des Wehrkreises VII (München) wurde Augsburg Standort der 27. Division, an deren Stabsquartier noch in den 1960er Jahren die verblaßte Fassadeninschrift an einem zerstörten Flügel der Ulrichskaserne erinnerte. Daß Augsburg im alltäglichen Straßenbild sichtbar wieder eine Soldatenstadt geworden war, sah neben Gastwirten und Kinobesitzern wohl auch die Mehrheit der Bevölkerung mit Wohlwollen, wenngleich mit nie ganz verschwindender Bangigkeit, seitdem irgendwann zwischen 1915 und 1917 sich ein Lebensgefühl gegen das Recht des Krieges als Mittel der Politik gewendet hatte.

Rathaus nach dem Luftangriff vom 25./26. Februar 1944
Rathaus nach dem Luftangriff vom 25./26. Februar 1944
Karlstraße 1945
Karlstraße 1945

Die Stadt im Krieg

Während der städtische Theaterbetrieb im Notquartier des Ludwigsbaus im Spätsommer 1944 eingestellt wurde, flimmerte in einigen intaktgebliebenen Kinosälen bis Kriegsende die Leinwand. Am 1.9.1939 wechselten, wie immer am Freitag, die Kino-Programme, und zwar zum 'Paradies der Junggesellen' mit Heinz Rühmann und zur 'Flucht ins Dunkel' mit Herta Feiler und Joachim Gottschalk. Seit wenigen Tagen war das System der Bezugsscheine und Zuteilungskarten für wichtige Lebensmittel, Seife, Textilien, Schuhe und Brennmaterial eingeführt, das in den kommenden zehn Jahren den Grundbedarf der Lebensführung portionieren sollte.
Auch gegen mögliche innere Gegner wurde mobil gemacht. Nachdem das sogenannte Heimtücke-Gesetz von 1933 die Möglichkeit gegeben hatte, Äußerungen gegen Staatsführung und Partei an Arbeitsplatz und Biertisch auf den düsteren Hohlwegen der Denunziation zur Strafverfolgung zu bringen, wurde jetzt nachgebohrt, wo früher oft noch abgewiegelt oder verwarnt worden war. Seit dem ersten Kriegstag stand das Abhören ausländischer Rundfunksender unter Strafe. Die zentral gelenkte Nachrichtenpolitik informierte nicht nur einseitig, sondern schwieg schon in der Vorkriegszeit zu wichtigen Problemfeldern - etwa in Zusammenhang mit dem evangelischen Kirchenstreit - gänzlich. Wie immer, wenn Nachrichten gemäß Sprachregelung oder Selbstzensur unterdrückt oder gefiltert werden, bildete auch damals das Gerücht ein archaisches Korrektiv.

Die wenige Tage nach Kriegsbeginn verkündete 'Verordnung gegen Volksschädlinge' des Ministerrates für die Reichsverteidigung ermöglichte die Verhängung der Todesstrafe bei Plünderungen und bei Verbrechen, die während Fliegergefahr oder unter Ausnutzung des Kriegszustandes begangen wurden. Wegen Plünderns nach einem Fliegerangriff auf Augsburg wurde erstmals im September 1942 ein Todesurteil vollstreckt. Etliche Hinrichtungen folgten rasch nach dem Angriff vom Februar 1944. Es gab jedoch auch Urteile, die das in der Verordnung angerufene 'gesunde Volksempfinden' offenbar überforderten. Als kurz vor Weihnachten 1939 zwei 19jährige aus Augsburg hingerichtet wurden, die des Diebstahls von Kleidern und Wertsachen an einem zum Militär eingerückten Arbeitskollegen geständig waren, schlug der Dissens zu der an Litfaßsäulen und in Zeitungsschlagzeilen verkündeten Rechtsauffassung bis in die Lageberichte der Justiz durch. Die Urteile waren aber zu diesem Zeitpunkt so und nicht anders gewollt. 'Ist das eine Gerechtigkeit? ... Das wird sich noch bitter rächen!' äußerte einer der jugendlichen Delinquenten nach der Eröffnung, daß es für einen wie ihn keinen Gnadenerweis geben könne.

Die Augsburger Stammtruppenteile standen seit Juni 1941 im Verband der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront. In der Stadt lagen Ersatz- und Landesschützeneinheiten sowie die schließlich zur Flakgruppe Augsburg zusammengefaßten Abteilungen der Fliegerabwehr. Die Gefallenenziffern stiegen steil in den ersten Monaten des Rußland-Feldzuges, der schließlich drei Viertel aller Opfer fordern sollte. Von September 1939 bis Dezember 1941 wurden in Augsburg 1018 Kriegstote beurkundet - dies war aber erst ein Fünftel der bis Ende 1948 vom Standesamt registrierten Gefallenen und ein noch erheblich geringerer Anteil der tatsächlichen Opfer. Von jenen, die aus der Stadt einberufen worden waren, galten 1950 noch rund 2600 als vermißt. Nach 1948, als man noch 1100 Kriegsgefangene schätzte, kehrten nur mehr einzelne dieser Verschollenen zurück. Fünf Jahre nach Kriegsende waren weit über 20.000 der 1944/45 aus der bombardierten Stadt Evakuierten noch nicht aus ihren Zufluchtsorten zurückgekehrt.

Nach dem Fliegerangriff vom Februar 1944 waren binnen weniger Stunden 85.000 Obdachlose zu versorgen und provisorisch unterzubringen - eine organisatorische Leistung zahlreicher Institutionen und Dienste. Unter den Verbänden der Einheitspartei war hier vor allem die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) gefordert, die 1942 im Stadtgebiet über annähernd 40.000 zahlende Mitglieder sowie ein seit 1935 rasch ausgebautes Netz an haupt- und ehrenamtlichen Helfern verfügte.

Die englischen und amerikanischen Luftangriffe hatten in weiten Bereichen der Innen- und Altstadt eine Trümmerlandschaft hinterlassen und auch einige Vororte schwer getroffen, jedoch das Industriepotential Augsburgs nicht entscheidend beeinträchtigt. Erst Störungen der Güterverkehrsstrecken und Treibstoffmangel ließen seit März 1945 Lähmungszustände aufkommen. Die von Norden und Nordwesten heranrollenden amerikanischen Kampfverbände konnten am 28. April 1945 die Stadt kampflos besetzen.

Auf den Kadern der NSDAP selbst lastete mit Dauer und ungünstigem Verlauf des Krieges der Rechtfertigungsdruck. Wenn die Versammlungsräume leerer und die Volksgenossen tauber wurden, vergoldeten sich die Erinnerungen an Kampfzeit und Machtübernahme. Hierher gehört der von der Parteikanzlei mit ironischem Unterton zurückgewiesene Vorschlag des schwäbischen Gauleiters vom Juni 1941, den Apparat zugunsten eines Osteinsatzes der politischen Leiter zeitweilig stillzulegen. Der mysteriöse Flug des Führerstellvertreters Rudolf Heß von Augsburg nach England hatte gerade in Augsburg unter der auf Kampf gegen England eingestimmten Anhängerschaft Bestürzung und Zweifel ausgelöst. Hierher gehört auch der Aufruf an die Parteigenossen im Januar 1942, mit einer beispielgebenden Sonderspende den Erfolg der zweiwöchigen Wollsachen-Sammlung für das erstarrte Ostheer zu krönen - ein bezeichnender Vorgang an diesem Scheitelpunkt des Krieges, an dem sich bereits der Kräfteverschleiß der kommenden Jahre erahnen ließ. In der Endphase des Krieges erlangte die Partei erweiterten Einfluß auf Einberufungsaktionen und selbst auf die Auskämmung von Heimatgarnisonen für die Feldformationen, teilweise begleitet von Gefühlen eines späten Triumphes über die Verfechter traditionellen Eigenlebens in Privatwirtschaft, Bürokratie und Wehrmacht. Politische Leiter sollten Schanzarbeiten an der Westfront vorantreiben, der DAF-Gauwalter die Waffenfertigung für den Volkssturm dirigieren.
Das letzte Aufgebot stand in Regie der Parteigliederungen. Im Herbst 1943 war die für den Fall innerer Unruhen betriebene Bildung von Parteibereitschaften und Heimatschutztruppen noch von Parteikanzlei und SS-Führung blockiert worden. Anfang November 1944 begann die vom propagandistischen Trommelwirbel des 'Volk ans Gewehr' begleitete Eintragung der männlichen Jahrgänge 1884 bis 1928 in die Stammrollen des Volkssturms bei den NSDAP-Dienststellen. Eine Woche später fand an einem Sonntagnachmittag - einem Termin, der den geringsten Arbeitsausfall erwarten ließ - in der Fuggerstraße die Vereidigung des noch ortsgruppenweise, unbewaffnet und überwiegend in Zivil angetretenen Volkssturms statt. Fahnenabordnungen von Wehrmacht, SA und SS schritten zwischen den Marschsäulen hindurch. Als die Musikkapelle die Melodie zu Ludwig Bauers Dichtung 'O Deutschland hoch in Ehren' aus dem Jahre 1859 intonierte, erhob sich aus anfänglichem Gemurmel in den Reihen allmählich ein Chor - verblaßte Reminiszenz an die Schule und an den Weltkrieg von 1914/18, dessen Teilnehmer das Rückgrat des Aufgebotes bildeten. Manche kamen nach den Jahren 1917/18 und 1939/40 nun schon zum dritten Mal unter die Waffen. Mit Ausrüstung und Bewaffnung ging es in den nächsten Monaten nur mühsam vorwärts. Der weitere Kriegsverlauf sollte diesen Männern den Einsatz in heftigeren Kämpfen ersparen und sie, in deren Leben sich die bewegtesten Zeiten deutscher Geschichte in diesem Jahrhundert zusammendrängten, für die Wiederaufbaujahre erhalten.

Obwohl viele in diesen bitteren Tagen ohne weiteren Lebensmut blieben, hinterließen Entbehrungen und Schicksalsschläge eine Bevölkerung, die für die ungewissen Folgezeiten geeicht war. Die Versuchung ist groß, das Jahr 1945 mit einer Stunde 'Null', mit Ende und Anfang, gleichzusetzen, einem Einschnitt, für den sich noch in den späten 1940er Jahren der Begriff des Zusammenbruchs einbürgerte. Manches am Nationalsozialismus war wie Firnis abgeplatzt, anderes aber hatte tiefe Spuren und Veränderungen hinterlassen, die kein Zurück zu der nur wenige Jahre zuvor versunkenen Weimarer Republik oder gar zur Kaiserzeit erlaubten, wie sie einem Großteil der Zeitgenossen von 1950 noch erinnerlich war. Doch konnten sich in einer Stadt, die von totaler Zerstörung und Massenvertreibung verschont blieb, Kontinuitätsstränge und Strukturen erhalten, mit deren Hilfe man die Ausnahmezustände der Jahre 1945/47 rasch zugunsten einer zukunftsorientierten Lebenspraxis zu überwinden trachtete.
Im Oktober 1927 wurde auch in Augsburg der 80. Geburtstag des Reichspräsidenten gefeiert. Das Bild der Veranstaltungen bestimmten diejenigen, die zur Jahrhundertwende schon das Erwachsenenalter erreicht hatten. Zwischen den Helmen und Mützen der Kriegervereine und Wehrverbände sah man zahlreiche Zylinder, Grauköpfe, Glatzen. Währenddem erkundeten aufmerksame Beobachter die Fenster, wo Fahnen in den alten Reichsfarben wie bei anderen Gelegenheiten landauf landab ein Zeichen gegen die republikanische Staatsform setzten. Bürgermeister Deutschenbaur ließ von Rathaus und Perlach die Embleme von Republik, Kaiserreich, Freistaat und Stadt einträchtig nebeneinander wehen, kam damit freilich nicht auf den größten gemeinsamen Nenner, sondern erntete wütende Kritik. Die Mehrzahl der beflaggten Privathäuser der Innenstadt wählte mit Weiß-Blau freundliche Neutralität, die Außenbezirke enthielten sich weithin jeglichen Fahnenschmucks.

Zwei Jahre zuvor hatte Hindenburg in direkter Wahl nicht die Mehrheit der Augsburger Stimmen erhalten. Für ihn hatten die alte Oberstadt und die westlichen und südlichen Erweiterungsgebiete des 19. und 20. Jahrhunderts gestimmt, nicht hingegen die Ostseite der Altstadt, die Arbeitervorstädte und der nördliche Halbkreis der eingemeindeten Vororte. Dort hatte der Kandidat des 'Volksblocks', unterstützt von den Sozialdemokraten und einer starken Minderheit der Volkspartei, seine Hochburgen gehabt. Zwischen den Stimmkreisen im Antonsviertel und im nördlichen Lechhausen schienen nach 50 Jahren allgemeinen Wahlrechts und entwickelten Parteienwesens Welten in der politischen Auffassung zu liegen.
Große Vergangenheit, nüchterne Gegenwart
Auch wenn erste Handgreiflichkeiten bereits das Klima der kommenden Jahre signalisierten, herrschte auf den politischen Feldern nach den stürmischen Zeiten von 1918 bis 1924 noch eine lauernde Ruhe. Die widerrufene Räteherrschaft und das durch militärisches Zweckdenken von außen beendete Lavieren zwischen den Lagern des Bürgerkriegsszenarios vom April 1919 hatte in der Stadt tiefe Gräben und unbeglichene Rechnungen hinterlassen. Bis Anfang 1922 hatte mit der Augsburger Stadtwehr eine Ordnungstruppe für das Niederhalten von Umsturz exerziert und zugleich dem Entwaffnungsdruck weiterhin feindseliger Kriegsgegner trotzen wollen. Die organisierte Arbeiterbewegung enthielt sich zwar nicht verbal, aber praktisch der revolutionären Politik und trug in den Jahren 1919/22 vor allem auf sozialem Gebiet Konflikte aus. Die zeitweilig starke Opposition aus den eigenen Reihen wurde im faktischen Bündnis mit denjenigen Teilen des Bürgertums bekämpft, zu denen bereits in den letzten Friedensjahren auch lokal Annäherungen stattgefunden hatten.

Augsburg also ein Abbild der Vorgänge anderwärts und in den viel gedeuteten großen Zusammenhängen? Natürlich lag die Stadt im Bannkreis der in München entschiedenen Politik, doch stets und überall mit Nuancen und der Neigung zu eigenen Seitenwegen. Im Vorfeld der Ausrufung der Räterepublik hatte es ein Wechselspiel von Veranlassung und Folge zwischen den revolutionären Gremien in München und Augsburg gegeben. Auch die Kampfzeit des Nationalsozialismus kannte Probleme zwischen Zentrale und Peripherie.

Wohl hatten Unklarheiten über die Ereignisse in München und eine Verhaftungsaktion der Polizei die Augsburger Nationalsozialisten am 9.11.1923 daran gehindert, beim Marsch auf die Feldherrnhalle dabei zu sein. Die Unruhen in den folgenden Tagen hatten freilich gezeigt, daß Adolf Hitlers Richtung über beachtlichen Anhang in der Stadt verfügte und gegebenenfalls einige tausend vorwiegend junge Leute auf die Straße bringen konnte. Die Ereignisse rund um den 'Hitler-Putsch' hinterließen auch hier einen dauerhaften Riß zwischen den Nationalsozialisten und der zur Freistaatsregierung loyalen Rechten, nicht unähnlich dem Bruch zwischen Räterepublikanern und Mehrheitssozialisten vom April 1919. Die einen gingen in eine Illegalität mit gelegentlich skurrilen Zügen, die anderen liefen zum Teil als Notpolizei Streife. Die Landtags- und Reichstagswahlen vom Frühjahr 1924 zeigten erstmals jene Erosionen in der Wählerbindung auf, die 1932 verstärkt wiederkehren sollten.

Bei aller Aufmerksamkeit, die Siegern zukam, nahmen manche der an den Oster-Kämpfen von 1919 beteiligten württembergischen Freiwilligen zwiespältige Eindrücke aus der Stadt mit: Jubel in Feiertagskleidern und eher versteckte Feindseligkeit, zum Teil eine Haltung wie die von Zuschauern vor einer Bühne mit schlechter Aktionskunst. Das Ärgern über Augsburg als Gestus - es fand, wie schon vor dem Weltkrieg, viele verschiedene Stimmen und ein entsprechendes Echo, von der Rezension des jungen Brecht bis zur in Fortsetzungsartikeln geschriebenen ersten Geschichte der völkischen Bewegung ab 1919. Für Gustav Landauer war die Revolutionsfeier, zu der ihn die USPD auf den letzten Märztag 1919 in den Ludwigsbau eingeladen hatte, 'ein elendes Spießbürger-Sonntagsvergnügen mit Militärmusik und Tingeltangelvorträgen'. In diesen Rahmen habe seine Rede nicht gepaßt. An der wiederum vermißte ein Beobachter für die heimische sozialistische Presse und den Soldatenrat 'das Große, Aufbauende, Zukunftsverheißende', das an Kurt Eisner begeistert habe.

1926 konnte Hans Steib als Leiter der kommunalen  Statistik und Pressearbeit auf die Frage 'Was ist Augsburg?' folgende Antwort geben: 'Augsburg ist das Bekenntnis zum Leben. Sein Stadtbild ist Lebenswille, Lebensbewußtsein, Lebensgesetz. Es ist voll von deutschem, gestaltendem, wahrhaft Goetheschem Geist. Es ist die Wahrheit des Wirklichen.' Lebendig sei es und fruchtbar, wie in einem zeitgenössischen Sonett ein Münchener Literat und Theaterkritiker befand, nicht tot, wie etwa das ruhmreiche Brügge. Und für Oskar Schürer, der neben Prag und Metz auch seiner Vaterstadt kunsthistorische und gleichsam biographische Studien gewidmet hatte, war noch das zerstörte Augsburg von 1945/46 die 'heimliche Königin der deutschen Städte'. Auch er war Jahrzehnte zuvor zwischen Krieg und Umsturz vom romantischen zum expressionistischen Lyriker geworden.

Der Anspruch, 'zweite Stadt des Königreiches' zu sein, hatte sich - in den ersten Jahrzehnten bayerischer Herrschaft noch durch die Einwohnerzahl gestützt - bereits im 19. Jahrhundert unter Einbußen überregionaler Wirksamkeit nicht mehr halten lassen. In den Wachstumsjahrzehnten zwischen 1871 und 1910 hatte sich die Bevölkerung Nürnbergs vervierfacht und die Münchens weit mehr als verdreifacht, jene Augsburgs hingegen nur verdoppelt. Das Bewußtsein des Zurückfallens im Wettbewerb war gewachsen, nachdem sich anderswo mehr und dies dann auch noch schneller tat - doch war es ein langer Weg zu dem nach 1918 in den Münchener Zentralbehörden konturierten und von der hauptstädtischen Presse grundierten Bild Augsburger Weinerlichkeit nach außen und Dumpfheit im Innern, hin zur Skala der Klagen von der Benachteiligung im Eisenbahnfahrplan über die Behinderung im Ausbau der Bildungseinrichtungen und zur Geringschätzung des Kulturlebens. Die Republik schien nun nach dem zu greifen, was das Königreich nicht hatte in Frage stellen müssen, nämlich die bisherigen mittelbehördlichen Strukturen: Kreisregierung, Oberlandesgericht, die Direktorialbehörden von Post und Bahn, aber auch Handelskammer und Börse in einer Stadt mit schwächelnden Industrien und wenig Handel bei großer Handelstradition.

Eine 1914 noch weitgehend geschlossene lokale Wirtschaftsstruktur war aufgebrochen, in den großen Konzernen fielen Entscheidungen außerhalb des Standorts. Die Bedeutung als Industriestadt und als selbst nachgeordneter Handels- und Bankenplatz schien in Frage gestellt. Der Mediatisierungsdruck hatte offenbar Kontinuität. Zu Jahresende 1934 fiel mit der Augsburger Börse ein jahrhundertealtes Forum lokaler Wirtschaftsbeziehungen und ein Hauptnotierungsort deutscher Textilpapiere. Das Reichswirtschaftsministerium vereinheitlichte hier zugunsten der Münchener Börse.
Die Ersten Bürgermeister der Jahre 1919 bis 1933 gehörten der Partei an, die auch für die Landespolitik verantwortlich war. In den Parteien, die mit der BVP in der Kommunalpolitik über Jahre hin zusammenarbeiteten, lebte der Anti-Ultramontanismus der Vorkriegszeit und manches vom kulturkämpferischen Erbe des Liberalismus fort, der als Parteiung selbst nur noch eine Nebenrolle spielte. Dabei zeigten sich diejenigen Segmente der Vorstadt- und Vorortbevölkerung, die der Erinnerung an das Königtum und einer auf der katholischen Kirche gemauerten Ordnung verbunden waren, als nicht weniger stark als in der Kernstadt. Die zunehmend rauhere Witterung in Reichs- und Landespolitik konnte man seit 1928 auch in der Kommunalpolitik und in den bisherigen Blockbildungen des Stadtrates verspüren.

Die Eingemeindungen von 1910/16 mit einem Zuwachs von rund 40.000 Einwohnern hatten den Charakter der Arbeiterstadt verstärkt, deren verallgemeinerte Sozialdaten denen von Industriestädten an Rhein und Ruhr, in Sachsen oder an der norddeutschen Küste ähnelten. Der Kernstadt war eine nun interne Auseinandersetzung mit Problemen und Forderungen des Vorortgürtels aufgezwungen. 1925 hatte Augsburg unter den bayerischen Großstädten die niedrigste Quote an Schülern höherer Bildungsanstalten - weit zurück hinter Nürnberg und München oder selbst dem von Schloten beherrschten Ludwigshafen. Die einstige Pressestadt wies unter ihren Einwohnern weniger Beschäftigte im Verlagswesen auf als irgend eine andere Großstadt in Süddeutschland und weniger bildende Künstler, Schauspieler oder Musiker. Augsburg hatte nach diesem Maßstab aber auch den geringsten Anteil an Ingenieuren und Architekten.
Kommunalpolitische Wanderwege
Der Stadtplan von 1920 zeigt weite Flächen ehemaliger Gartengüter im Norden und Nordwesten der Altstadt, am Pfannenstiel und jenseits des Klinkerbergs noch als Grünland. Rechts der Wertach war die Bebauung noch nicht bis an die Fabrikgelände von Riedinger und M.A.N. herangerückt. Oberhausen bestand im wesentlichen noch aus dem alten Ortskern und dem Anrainerviertel zur Wertachvorstadt. Wandte man sich von dem damals noch nördlich der Ulmer Straße gelegenen Vorortbahnhof zwischen den nach Nürnberg und Ulm führenden Bahnlinien zum neuen Gaswerk und stieg auf eine Aussichtsplattform, so übersah man im Nordwesten, Westen und Süden weithin unbebautes Gelände. Bis zu den Kirchtürmen von Kriegshaber und Stadtbergen war der Blick frei, im Süden begann jenseits des Großen Exerzierplatzes erst bei den Fabriken von Pfersee wieder dichteres Mauerwerk. Größere Bautätigkeit in Neukriegshaber, aber auch in Oberhausen-Nord oder in der Firnhaberau und an der Derchinger Straße stand erst bevor.

Ging man vom Hauptbahnhof durch die Unterführung in Richtung Luitpold-Brücke, so sah man zur Rechten nur Schrebergärten, während linker Hand die Bebauung von Rosenauberg und Thelottviertel bereits weit fortgeschritten war. Vom Wittelsbacher Park fiel der Blick jenseits der Wertach auf die neuen Wohnviertel in Pfersee mit der hochragenden Adalbert-Schule als südlichem Abschluß. Nahm man den Weg durch den Stadtgarten zur Hindenburgstraße und wandte sich nach Süden gegen Göggingen oder in Richtung Bismarckviertel, so kam man, entlang bürgerlicher Wohnhäuser, Fabriken und Militärbauten durch Viertel, die wenige Jahre zuvor vor allem von Soldaten und Rüstungsarbeitern bevölkert waren. Jetzt war mit der Demobilisierung und Entwaffnung bleierne Stille eingezogen. Daß Augsburg eine Stadt inmitten eines Landes war, das einen Krieg verloren hatte - in den im Kaiserreich entstandenen Wohngebieten der bürgerlichen 'Neustadt' mit ihren zunehmend verarmenden Beziehern von Besoldungen und Pensionen war dies auf Schritt und Tritt spürbar.

Immerhin wurde südlich der Infanterie-Kaserne im Anschluß an schon bestehende Eisenbahnerblocks ein neues Wohngebiet entwickelt. Südlich der Ausfallstraße nach Friedberg war die Siedlung Spickel im Entstehen, ein Gegenentwurf zur Großblockbauweise, die den Initiatoren dieser Gartenstadt als Produkt der Bodenspekulation und als Schoß kollektivistischer Denk- und Lebensweisen galt. Östlich des Lechs lag mit der Friedbergerau, der Meringerau und der Vorstadt Lechhausen die ehemals oberbayerische Peripherie, die bis 1919 noch im Rahmen des Stimmkreises Friedberg gewählt hatte. Die Arbeiterwohnviertel südlich und westlich des Bogens von Neuburger und Blücherstraße glichen einem sich allmählich ausweitenden Brückenkopf der großen Stadt, der hier einer noch bis in das Unterzentrum hinein betriebenen Landwirtschaft begegnete.

Das nördliche Lechhausen und die Industriegebiete auf der 'Augsburger' Lechseite, an den Unterläufen von Proviantbach, Stadtbach und Senkelbach, verband nur ein morgens wie abends und zum Schichtwechsel dichtbevölkerter Steg. Als Wohnbereich war die Bedeutung der Kernstadt schon seit den Vorkriegsjahren fast beständig geschwunden, auch ihre absoluten Bevölkerungszahlen sanken. Immerhin sollte 1935 noch jeder vierte Augsburger in den reichsstädtischen Litera-Bezirken wohnen. Am Ostabhang der Oberstadt, zumal um die Barfüßer-Kirche, war diese Vergangenheit vor den abblätternden Rückwänden der Prachtbauten am ehesten noch lebendig, in Gassen, bewohnt von älterem, jetzt inflationsgeschädigtem Wohlstand, von Handwerkern, Ladenbesitzern, Schankwirten und Kleinrentnern, mit höherem Protestantenanteil, ein Nebeneinander von Frommen und miefiger Halbwelt.

Die Altstadt, die Wertachvorstadt und die Altbauviertel der Vororte waren die Abgabegebiete für neue Quartiere. Die genossenschaftliche und kommunale Wohnraumbeschaffung mit ihren Wohnhöfen zwischen Luitpold-Brücke und Holzbach, in Lechhausen, Oberhausen-Nord und im Hochfeld erreichte 1928/29 ihren Höhepunkt. Nach dem Einbruch der Krisenjahre und der Lähmung der Förderung mit öffentlichen Mitteln erfolgte seit 1933 der Weiterbau der Großblocksiedlungen lediglich in Vollendung bisheriger Planungen oder zur Schließung von Baulücken. Die Neubaugebiete des Dritten Reiches bevorzugten hingegen im Blockbau reduzierte Maße, etwa im Bereich der Volkswohnungen der 'Neuen Heimat' im Hochfeld und im Bärenkeller, oder die Kleineinheiten von Ein- bis Vierfamilienhäusern, von der 'Siedlung des Volkes' bis zu den vorstädtischen Gartensiedlungen, wie sie in der Firnhaberau und der Hammerschmiede begonnen worden waren und nun im Bärenkeller und an der Kleestraße weitergeführt wurden.
Wohnungsbau gehörte zu den Schwerpunkten der Kommunalpolitik ab 1933, bei steigendem Anteil gemeinnütziger Unternehmungen. Die Zahl fertiggestellter Wohnungen und erteilter Baugenehmigungen war allerdings seit 1938 wieder rückläufig. Erhöhte Familienneugründungen und Zuzug von außen - Augsburg hatte zwischen 1933 und 1939 unter den bayerischen Großstädten das relativ höchste Bevölkerungswachstum, wozu auch Geburtenüberschüsse beitrugen - führten am Vorabend des Krieges zu verschärfter Wohnungsknappheit. Das Gemeindeumschuldungsgesetz vom September 1933 und Stillhalteabkommen mit den Gläubigern erlaubten 1934 die Deckung des in der Endphase der Weimarer Republik nicht mehr abgeglichenen städtischen Haushalts. Der Rückgang der Wohlfahrtslasten und eine erhebliche Steigerung der Steuereinnahmen erweiterten in den folgenden Jahren den finanziellen Spielraum.

Die Planung für Repräsentationsbauten, konkretisiert in einem im Dezember 1934 ausgeschriebenen Ideenwettbewerb für eine neue Stadthalle am Stadtgarten, war zunächst an den Möglichkeiten des Haushalts und an bislang zurückgestelltem, jedoch seit Jahren spürbarem Bedarf ausgerichtet. Die von Adolf Hitler persönlich mit einigen Zeichenstrichen angestoßenen Neukonzeptionen richteten sich auf eine Umgestaltung des gründerzeitlichen Straßenzuges an der Westflanke der ehemaligen Reichsstadt zwischen Klinkertorplatz und Kaiserplatz. Geplant waren neben der Stadthalle ein Gauhaus mit Forum und Glockenturm, ein Operngebäude, rund um den neugestalteten Theaterplatz auch Bauten der Reichspost sowie der Kredit- und Versicherungsbranche. Verwirklicht wurden 1938/39 der Um- und Erweiterungsbau des bestehenden Theaters, die Veränderung des Portals am Justizgebäude sowie der Teilausbau der 'Straße des Führers' zwischen Königsplatz und Kasernstraße. Zum sechsten Jahrestag der Machtübernahme in Bayern begonnen, litt auch dieses Projekt schon bald unter dem Abzug von Arbeitskräften und Baumaterial an den Westwall.

Die Eingemeindungsfrage, in den ersten Nachkriegsjahren wieder im Gespräch mit den südlichen und südwestlichen Nachbar-Kommunen, war nach 1925 in den Hintergrund gerückt. Als die Stadt nun zehn Jahre später erneut Raumbedarf anmeldete, stieß sie auf zäheres und geschickteres Widerstreben als ehedem - Zeugnis eines Selbstbewußtseins, das in den Stadtrandgemeinden durch eigene Entwicklung und im Zeichen des 1919 verbreiterten Kommunalwahlrechts gewachsen war. Von 1925 bis 1936 hatte sich die Einwohnerzahl Stadtbergens mehr als verdoppelt, jene von Neusäß nahezu verdreifacht. Seit 1933 war Haunstetten um 19 Prozent, Gersthofen um 18 Prozent gewachsen, und dieses Wachstum sollte in den nächsten Jahren anhalten. Die seit 1935 fortentwickelte Raumplanung für Augsburg mit ihrem Ehrgeiz im Bereich des Straßen-, Eisenbahn-, Luft- und Wasserverkehrsnetzes forderte die Einbeziehung des Umlandes. 1939 bekam die Stadt von Reichsstatthalter und Reichsinnenminister die Einwilligung für eine großflächige Lösung dieses Problems in einem Umfang, den nicht einmal die Eingemeindungen von 1972 erreichen sollten. Was der Kriegsausbruch dann verhinderte, kam nach 1945 erneut zur Sprache: Eine städtische Denkschrift vom Herbst 1946 argumentierte im Grundsatz nicht anders als jene von 1935 - ohne daß eine rasche Umsetzung erfolgt wäre.
Kunst und Unterhaltung in  gewittrigen Zeiten
Im kulturellen Bereich hatte das neue Stadtregiment von 1919 mit Reformen begonnen; diese gingen einher mit einer Kommunalisierung von bisher durch Privatleute und Vereine erfüllten Aufgaben, angefangen bei der Volkshochschule über die Stadtbücherei und die Weichenstellung für eine höhere technische Lehranstalt bis hin zum städtischen Orchester. Federführend für diese Politik war der von der SPD gestellte Zweite Bürgermeister Friedrich Ackermann, Rechtsanwalt aus dem pfälzischen Edenkoben und Anfang 1919 für einige Wochen letzter bayerischer Gesandter in Wien.

Zu den städtischen Regiebetrieben gehörte nunmehr auch das Theater. Kontinuitäten auf dem Spielplan dieser gründerzeitlichen Bühne, an der der junge Brecht sich rieb, waren, wie andernorts auch, Opern von Wagner, Weber und Beethoven, die 'Fledermaus' von Johann Strauß und Dramen von Schiller und Lessing. In den politisch und sozial brodelnden Jahren ab 1918 - wie in allen Umbruchszeiten mit viel Bewegung im Sprechtheater - ließ die lockere Hand des inflationierten Geldes noch Platz für weitere Bühnen in Augsburg, etwa für das Metropoltheater an der traditionellen Unterhaltungsstätte am Schießgraben. Der rasche Geldwertverfall machte hier überall ein Ende, er hinterließ auch breite Schichten des herkömmlichen Theaterpublikums verarmt.

Die nach der Jahrhundertwende herangewachsene Jugend hatte auch andere Freizeitpräferenzen. Binnen weniger Jahre hatte sich der Kinomatograph einen Dauerplatz im Wochenendvergnügen erobert. Von 1912 bis 1918 verdreifachte sich die jährliche Besucherzahl der Augsburger Lichtspiele auf annähernd 1,3 Millionen. Höhepunkte Augsburger Kinogeschichte waren, gemessen an der Zahl der Filmtheater und dem Zuspruch des Publikums, die Jahre um 1928/30, 1939/41 und schließlich wieder 1957/60, jeweils markiert durch die Eröffnung neuer Säle. Das berühmte 'Emelka' am Backofenwall erlebte als Neubau den Übergang zum Tonfilm, den geschwundenen Freizeitwert einer Kinokarte in den 1980er Jahren sollte es nicht überleben.

Das Augsburger Stadttheater hatte alsbald hektische Zeiten, manchen Skandal und Entrüstungsstürme aus verschiedenen Richtungen in der Augsburger Presse zu überstehen, als mit den Gastvorstellungen der Münchener Kammerspiele unter Otto Falckenberg ab 1924 expressionistische und naturalistische Stücke mehr und mehr den Schauspielplan beherrschten. Unter dem Intendanten Lustig-Prean (1927-1932) gelangte Augsburg mit einer Fülle von Inszenierungen auch im Opern- und Operettenbereich gar in den Ruf einer fortschrittlichen Theaterstadt mit gutem Boden für Erstaufführungen.

Der Theater- und Konzertbetrieb des Dritten Reiches brachte eine klare Absage an den 'Modernismus' der vergangenen Dekade und verwies Werke jüdischer Autoren und Komponisten von den Bühnen: mehr Klassiker in allen Gattungen, auch in der Operette, ab Ende 1932 im Schauspiel die ersten Stücke nationalsozialistischer Dramatiker. Das Musiktheater auf der Freilichtbühne erlebte von 1934 bis 1939 - anschließend sollte der Betrieb bis 1946 ruhen - etliche Glanzpunkte, wenn etwa Richard Strauß und Hans Pfitzner dort in Aktion traten.
1923 und 1924 verstarben mit August Vetter und Hans Nagel zwei bodenständige Literaten, lockerer Polyhistor der eine, bemühter Festspielautor und Lyriker der andere, dessen Verse aus Kriegs- und Nachkriegsjahren teilweise über die Zeiten hinweg berühren. Bei allen Unterschieden hatten sie als Altersgenossen ihre Herkunft als junge protestantische Zuzügler, ihre Bezüge zur reichsstädtischen Geschichte und die Vermögenslosigkeit am Todestag gemeinsam. In diesen Jahren publizierten auch einige wenige und wenig beachtete Vertreter einer Augsburger Mundartliteratur. In einer Stadt an der Grenze und Stadt für sich, der Zuwanderer und der sozialen Distanzierung, kam das Idiom, in der Fremde durchaus ein Erkennungszeichen, nur schwer zu eigener Poesie, auch wenn die Arbeiterschaft als die inzwischen am meisten autochthone Bevölkerungsgruppe beim Hören fremder Zungenschläge gern auf Distanz und Abwehr ging. Daß die jungen Damen in den Augsburger Kaffeehäusern sich des Hochdeutschen befleißigten - ganz anders als die Mädchen seiner Bamberger Heimat -, mußte vor 1914 der Redakteur der Augsburger Postzeitung, Hans Rost, konstatieren. 1925 war es wohl auch nicht anders. Der Mundartdichter Wilhelm Wörle etwa, seit 1938 Lehrer an Augsburger Volksschulen, war, wie einst der Postsekretär Georg Mader, zunächst ein Sprecher der stadtabgewandten Landschaft.

Gleichwohl hatte eine in ihrem Selbstbewußtsein gekräftigte Volksschullehrerschaft im kulturellen Leben der Stadt seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Bedeutung erlangt - stets in engem Konnex mit Einrichtungen der Volksbildung. Mit dem Bayerischen Schulmuseum samt eigenem Verlag und einer umfangreichen Lehrmittelsammlung verfügte sie in der Jesuitengasse über eine gewachsene Gemeinschaftseinrichtung, die ebenso wie die Bestände des Naturwissenschaftlichen Museums am Kesselmarkt und des Museums der Bauschule im ehemaligen Heilig-Kreuz-Kloster zu den Verlusten des Bombenkrieges zählen sollte.

Aus den Reihen der Lehrerschaft kamen einige Autoren, die überwiegend in literarischen Kurzformen für Anbruch und Fortgang des Dritten Reiches eintraten, freilich nicht öffentliches Augenmerk erreichten wie der Nationalpreisträger und Kultursenator Richard Euringer. Schwäbische und hochdeutsche Lyrik besang einen politischen deutschen Frühling und den Ruhm der Westwallarbeiter. Dichtung, wie sie Gertrud von LeFort 1935 in der Literarischen Gesellschaft vor ausverkauften Sitzreihen vortrug oder ein lokaler Autor wie Gustav Böhm publizierte, wurde in der Presse hingegen als rückwärtsgewandt, dem Lebensgefühl der neuen Zeit nicht entsprechend kritisiert. Daneben gab es auswärtige Autoren, die die Augsburger Geschichte als Thema aufgriffen. Ein vielgelesener und auch übersetzter Verfasser historischer Romane und Biographien wie Karl Bartz wählte 1937/40 eine Augsburger Kaufmannsfamilie zum Aufhänger für Geschichten aus dem Dreißigjährigen und dem Siebenjährigen Krieg. Die 1939/40 erschienenen Romanbände Eugen Ortners über die Fugger erreichten binnen dreier Jahre fünf Auflagen.
Klassik und Volksmusik wurden die Säulen im Musikprogramm des im Januar 1935 im Börsengebäude eingerichteten 'Ostschwaben-Senders'. Nach einem kurzlebigen Versuch von 1927, neben der Station in Nürnberg auch in Augsburg einen Regionalsender des Münchener Rundfunks zu etablieren, war dies der zweite Anlauf für ein Regionalprogramm. Damals hatten sich laut Statistik über hundert Einwohner vor einem Radioapparat gedrängt, jetzt nur noch neun. Als neues literarisches Medium war das Hörspiel entstanden. Die erste Direktübertragung zeigte freilich die Verständnisschwierigkeiten kerniger schwäbischer Dialekte im reichsweiten Empfang. In einer Arbeitsgemeinschaft für die Programmgestaltung saßen Vertreter kulturpflegerischer Einrichtungen und eingeführte örtliche Fachkräfte mit Vertretern der Kulturpolitik der NSDAP zusammen. Die Leitung von Arbeitsgemeinschaft und Sender übernahm der Funkwart bei der schwäbischen Gauleitung, dessen weitreichende Pläne die Popularisierung des Rundfunks mit der Programmschöpfung auch in schwäbischen Kleinstädten verbinden wollte. Als er im Sommer 1936 über einen Skandal zu Fall kam, neigte sich auch diese Phase der Augsburger Rundfunkgeschichte ihrem Ende zu.

Mediokrität in der Augsburger Architektur der 1960er und 1970er Jahre kann sich nicht auf Diskussionsdefizite in früheren Jahrzehnten berufen. LeCorbusier wurde durchaus kritisch rezipiert, ebenso die Konzepte des Bauhauses, die Gropius 1927 anläßlich des Gründungsjubiläums des Schwäbischen Architekten- und Ingenieurvereins vorgetragen hatte. Der Anfang 1932 an die Öffentlichkeit getretene 'Bund für Gestaltung' erstrebte eine Zusammenarbeit von Architekten, Künstlern und Handwerkern, neue Wege im Siedlungsbau und bei Werkstoffen, auch die Anknüpfung an lokales Herkommen bei zunächst noch trostloser Auftragslage. Unter dem Vorzeichen der einheitlichen ständischen Organisation vor Ort besetzte der zunächst konkurrierende 'Bund' bei der Neuwahl der Vorstandschaft der 'Ecke' im November 1934 wesentliche Positionen.

Die Geschichte der Vereinigungen von Künstlern und Kunstfreunden während des Dritten Reiches ist hochdifferenziert, in ihren Nuancen nur aus den jeweiligen Vorgeschichten erklärbar und meist weit weg von Selbstdarstellungen aus der Zeit nach 1945. Der Augsburger Kunstverein führte nach 1925 durchaus Nachimpressionisten ein. 1934/35 waren noch Werke von Schmidt-Rottluff, Slevogt und Caspar zu sehen. Der Kampf zwischen Modernismus und den traditionellen Richtungen in der bildenden Kunst hatte zahlreiche lokale Schauplätze, zumal dort, wo es Kunstförderung aus öffentlichen Mitteln gab und wo rückläufige Besucherzahlen als wachsende Abneigung des Publikums gegen die Abstraktion gedeutet werden konnten. Er wurde etwa in Ulm heftiger ausgetragen als in Augsburg, fand gleichwohl aber auch hier statt.

Für die Schau regionaler Gegenwartskunst, die im Juni 1937 im Rahmen der Ersten Schwäbischen Gaukulturwoche im Kunstverein stattfand, hatte die von der Gaupropagandaleitung bestimmte Jury auch Plastik Edwin Scharffs zugelassen, der drei Wochen später in den Münchener Hofgartenarkaden als Vertreter 'entarteter Kunst' präsentiert wurde. Nach dem Besuch der Ausstellung ließ der Zweite Bürgermeister einige ihn nun störende Bilder aus städtischen Amtsräumen entfernen. Daß in den öffentlichen Sammlungen Augsburgs keine Kunstwerke konfisziert wurden und sich die Beschlagnahmeaktionen in Bayern insgesamt in Grenzen hielten, rührte her aus einer die 'Modernen' nicht schätzenden Erwerbspolitik vor 1933, die bewußt Kontrapunkte zur Kulturpolitik in Preußen und Sachsen hatte setzen wollen.

Die 'Ecke' hatte in dem 1926 von Stadtbaurat Holzer gebauten Künstlerhof am Pfaffenkeller ein eigenes Werkzentrum. Ihre Mitglieder, darunter zahlreiche seit den 1920er Jahren bekannte Namen, und Lehrer der Kunstschule bestritten ab 1933 weiterhin einen Gutteil des Ausstellungsgeschehens, zum Teil in Neuorientierung bei Themen, seltener im Stil. Der Typus des dominant politischen Künstlers war kaum vertreten. Politisierung vollzog sich vielmehr über Arbeiten von Künstlern, die zuvor, zeitgleich und später auch anders konnten und jetzt Horst-Wessel-Büsten modellierten, Räume von Ministerien und Schulungsstätten ausmalten oder zu internationaler Repräsentation das Hoheitszeichen des Reiches in Mosaik auslegten. Die wiederauflebende Fassadenmalerei hatte, die lokale Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts aufgreifend, in der Neubemalung des Weberhauses am Moritzplatz durch Otto Michael Schmitt und Josef Hengge in den Jahren 1935/36 ein bis in die Kriegsjahre hinein richtungweisendes Beispiel. Schmitt erhielt hier die nicht häufige Gelegenheit, am gleichen Objekt seine Wandlung darzutun: Rund 25 Jahre später bemalte er, inzwischen Präsident der Nürnberger Akademie, das wiederaufgestockte Weberhaus mit verändertem Programm und ohne sich in seinem Duktus einem künftigen Vergleich mit den 1944 zunächst erhaltengebliebenen Resten von seinen und Hengges Gemälden stellen zu müssen.
Politischer Umbruch und kurzer Friede
Der Prozeß der Gleichschaltung des öffentlichen Lebens war äußerlich in vielen Bereichen, in Entscheidungsgremien oder in der Presse schon im Sommer 1933 vollzogen, manchmal benötigte er auch noch Jahre. Bei Vereinen und Verbänden wirkten oft die Vorgaben der bereits ausgerichteten Dachorganisationen; Fusionen und Auflösungen taten ein übriges. Die politische Durchdringung hatte viele Gesichter und Wege, von denen Gewalt nur einer war. In den genossenschaftlichen Wohnblocks und Gartensiedlungen zog sich vor allem dort, wo die freien Gewerkschaften vor 1914 ihren Einfluß begründet und in den 1920er Jahren ausgebaut hatten, das Zurückdrängen der alten Anteilseigner über Jahre hin, manchmal unter Nutzung von bereits vor 1933 entstandenem internem Gruppenstreit.

Es gab auch Selbstbehauptung. Beispiele fanden sich im Ausbau kirchlicher Seelsorgestrukturen im Gürtel der neuen Vororte, einschließlich des Kirchenbaus, und als Detail dabei, gerade in Augsburg, in den mittelfristigen Erfolgen des katholischen Pfarrbüchereiwesens gegen die von der NSDAP geförderten, mit städtischen Zuschüssen und Spendenmitteln auf den Weg gebrachten Volksbüchereien.

Warum wohl sei in Augsburg der 'deutsche Gruß' so wenig zu sehen? Gründe hierfür suchte der Kommentator der 'Neuen Nationalzeitung' im Dezember 1934 in der 'Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit, Scham oder Opposition [und] wahrscheinlich von jedem etwas'. Aber war es nicht einfach die Nüchternheit der Bevölkerung einer alten Stadt, in deren Lebensgefühl das Wissen mitschwang, daß nichts vom politischen Tagesbetrieb auf ewig gebaut war? Dieses und andere Unmutsäußerungen oder die verhältnismäßig vielen 'Nein'-Stimmen und Enthaltungen bei den Wahlen und Abstimmungen 1933/34 dürfen nicht täuschen: Die im März 1933 geschaffenen und in den folgenden beiden Jahren gesicherten Tatsachen waren nie ernsthaft in ihrer Konsistenz oder durch eine verfolgte und entmutigte Opposition gefährdet, zumal eine Rückkehr zur Weimarer Demokratie weithin keinen Kredit hatte. Hitler hatte auch in Augsburg viele leidenschaftliche Anhänger, denen die Erfolge seiner Politik gewichtiger Teil ihres eigenen Lebens waren, und noch viel mehr, die ihm als legitimer Obrigkeit gehorsam sein wollten, auch wenn ihnen vieles an seiner Partei mißfiel.

Die neu entstandene Wehrmacht nutzte die Einrichtungen der alten Armee, sie benötigte überdies Unterkünfte, Depots und Übungsplätze an den Rändern der jetzigen Stadtentwicklung. Von 1934 bis 1938 entstanden Kasernen für Infanterie, Panzerjäger, Luft- und Heeresnachrichtentruppen sowie Flak, die zum Teil nach Schlachtfeldern des Weltkrieges - Somme, Arras, Vimy - benannt wurden. Im Rahmen des Wehrkreises VII (München) wurde Augsburg Standort der 27. Division, an deren Stabsquartier noch in den 1960er Jahren die verblaßte Fassadeninschrift an einem zerstörten Flügel der Ulrichskaserne erinnerte. Daß Augsburg im alltäglichen Straßenbild sichtbar wieder eine Soldatenstadt geworden war, sah neben Gastwirten und Kinobesitzern wohl auch die Mehrheit der Bevölkerung mit Wohlwollen, wenngleich mit nie ganz verschwindender Bangigkeit, seitdem irgendwann zwischen 1915 und 1917 sich ein Lebensgefühl gegen das Recht des Krieges als Mittel der Politik gewendet hatte.
Die Stadt im Krieg
Während der städtische Theaterbetrieb im Notquartier des Ludwigsbaus im Spätsommer 1944 eingestellt wurde, flimmerte in einigen intaktgebliebenen Kinosälen bis Kriegsende die Leinwand. Am 1.9.1939 wechselten, wie immer am Freitag, die Kino-Programme, und zwar zum 'Paradies der Junggesellen' mit Heinz Rühmann und zur 'Flucht ins Dunkel' mit Herta Feiler und Joachim Gottschalk. Seit wenigen Tagen war das System der Bezugsscheine und Zuteilungskarten für wichtige Lebensmittel, Seife, Textilien, Schuhe und Brennmaterial eingeführt, das in den kommenden zehn Jahren den Grundbedarf der Lebensführung portionieren sollte.
Auch gegen mögliche innere Gegner wurde mobil gemacht. Nachdem das sogenannte Heimtücke-Gesetz von 1933 die Möglichkeit gegeben hatte, Äußerungen gegen Staatsführung und Partei an Arbeitsplatz und Biertisch auf den düsteren Hohlwegen der Denunziation zur Strafverfolgung zu bringen, wurde jetzt nachgebohrt, wo früher oft noch abgewiegelt oder verwarnt worden war. Seit dem ersten Kriegstag stand das Abhören ausländischer Rundfunksender unter Strafe. Die zentral gelenkte Nachrichtenpolitik informierte nicht nur einseitig, sondern schwieg schon in der Vorkriegszeit zu wichtigen Problemfeldern - etwa in Zusammenhang mit dem evangelischen Kirchenstreit - gänzlich. Wie immer, wenn Nachrichten gemäß Sprachregelung oder Selbstzensur unterdrückt oder gefiltert werden, bildete auch damals das Gerücht ein archaisches Korrektiv.

Die wenige Tage nach Kriegsbeginn verkündete 'Verordnung gegen Volksschädlinge' des Ministerrates für die Reichsverteidigung ermöglichte die Verhängung der Todesstrafe bei Plünderungen und bei Verbrechen, die während Fliegergefahr oder unter Ausnutzung des Kriegszustandes begangen wurden. Wegen Plünderns nach einem Fliegerangriff auf Augsburg wurde erstmals im September 1942 ein Todesurteil vollstreckt. Etliche Hinrichtungen folgten rasch nach dem Angriff vom Februar 1944. Es gab jedoch auch Urteile, die das in der Verordnung angerufene 'gesunde Volksempfinden' offenbar überforderten. Als kurz vor Weihnachten 1939 zwei 19jährige aus Augsburg hingerichtet wurden, die des Diebstahls von Kleidern und Wertsachen an einem zum Militär eingerückten Arbeitskollegen geständig waren, schlug der Dissens zu der an Litfaßsäulen und in Zeitungsschlagzeilen verkündeten Rechtsauffassung bis in die Lageberichte der Justiz durch. Die Urteile waren aber zu diesem Zeitpunkt so und nicht anders gewollt. 'Ist das eine Gerechtigkeit? ... Das wird sich noch bitter rächen!' äußerte einer der jugendlichen Delinquenten nach der Eröffnung, daß es für einen wie ihn keinen Gnadenerweis geben könne.

Die Augsburger Stammtruppenteile standen seit Juni 1941 im Verband der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront. In der Stadt lagen Ersatz- und Landesschützeneinheiten sowie die schließlich zur Flakgruppe Augsburg zusammengefaßten Abteilungen der Fliegerabwehr. Die Gefallenenziffern stiegen steil in den ersten Monaten des Rußland-Feldzuges, der schließlich drei Viertel aller Opfer fordern sollte. Von September 1939 bis Dezember 1941 wurden in Augsburg 1018 Kriegstote beurkundet - dies war aber erst ein Fünftel der bis Ende 1948 vom Standesamt registrierten Gefallenen und ein noch erheblich geringerer Anteil der tatsächlichen Opfer. Von jenen, die aus der Stadt einberufen worden waren, galten 1950 noch rund 2600 als vermißt. Nach 1948, als man noch 1100 Kriegsgefangene schätzte, kehrten nur mehr einzelne dieser Verschollenen zurück. Fünf Jahre nach Kriegsende waren weit über 20.000 der 1944/45 aus der bombardierten Stadt Evakuierten noch nicht aus ihren Zufluchtsorten zurückgekehrt.

Nach dem Fliegerangriff vom Februar 1944 waren binnen weniger Stunden 85.000 Obdachlose zu versorgen und provisorisch unterzubringen - eine organisatorische Leistung zahlreicher Institutionen und Dienste. Unter den Verbänden der Einheitspartei war hier vor allem die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) gefordert, die 1942 im Stadtgebiet über annähernd 40.000 zahlende Mitglieder sowie ein seit 1935 rasch ausgebautes Netz an haupt- und ehrenamtlichen Helfern verfügte.

Die englischen und amerikanischen Luftangriffe hatten in weiten Bereichen der Innen- und Altstadt eine Trümmerlandschaft hinterlassen und auch einige Vororte schwer getroffen, jedoch das Industriepotential Augsburgs nicht entscheidend beeinträchtigt. Erst Störungen der Güterverkehrsstrecken und Treibstoffmangel ließen seit März 1945 Lähmungszustände aufkommen. Die von Norden und Nordwesten heranrollenden amerikanischen Kampfverbände konnten am 28. April 1945 die Stadt kampflos besetzen.

Auf den Kadern der NSDAP selbst lastete mit Dauer und ungünstigem Verlauf des Krieges der Rechtfertigungsdruck. Wenn die Versammlungsräume leerer und die Volksgenossen tauber wurden, vergoldeten sich die Erinnerungen an Kampfzeit und Machtübernahme. Hierher gehört der von der Parteikanzlei mit ironischem Unterton zurückgewiesene Vorschlag des schwäbischen Gauleiters vom Juni 1941, den Apparat zugunsten eines Osteinsatzes der politischen Leiter zeitweilig stillzulegen. Der mysteriöse Flug des Führerstellvertreters Rudolf Heß von Augsburg nach England hatte gerade in Augsburg unter der auf Kampf gegen England eingestimmten Anhängerschaft Bestürzung und Zweifel ausgelöst. Hierher gehört auch der Aufruf an die Parteigenossen im Januar 1942, mit einer beispielgebenden Sonderspende den Erfolg der zweiwöchigen Wollsachen-Sammlung für das erstarrte Ostheer zu krönen - ein bezeichnender Vorgang an diesem Scheitelpunkt des Krieges, an dem sich bereits der Kräfteverschleiß der kommenden Jahre erahnen ließ. In der Endphase des Krieges erlangte die Partei erweiterten Einfluß auf Einberufungsaktionen und selbst auf die Auskämmung von Heimatgarnisonen für die Feldformationen, teilweise begleitet von Gefühlen eines späten Triumphes über die Verfechter traditionellen Eigenlebens in Privatwirtschaft, Bürokratie und Wehrmacht. Politische Leiter sollten Schanzarbeiten an der Westfront vorantreiben, der DAF-Gauwalter die Waffenfertigung für den Volkssturm dirigieren.
Das letzte Aufgebot stand in Regie der Parteigliederungen. Im Herbst 1943 war die für den Fall innerer Unruhen betriebene Bildung von Parteibereitschaften und Heimatschutztruppen noch von Parteikanzlei und SS-Führung blockiert worden. Anfang November 1944 begann die vom propagandistischen Trommelwirbel des 'Volk ans Gewehr' begleitete Eintragung der männlichen Jahrgänge 1884 bis 1928 in die Stammrollen des Volkssturms bei den NSDAP-Dienststellen. Eine Woche später fand an einem Sonntagnachmittag - einem Termin, der den geringsten Arbeitsausfall erwarten ließ - in der Fuggerstraße die Vereidigung des noch ortsgruppenweise, unbewaffnet und überwiegend in Zivil angetretenen Volkssturms statt. Fahnenabordnungen von Wehrmacht, SA und SS schritten zwischen den Marschsäulen hindurch. Als die Musikkapelle die Melodie zu Ludwig Bauers Dichtung 'O Deutschland hoch in Ehren' aus dem Jahre 1859 intonierte, erhob sich aus anfänglichem Gemurmel in den Reihen allmählich ein Chor - verblaßte Reminiszenz an die Schule und an den Weltkrieg von 1914/18, dessen Teilnehmer das Rückgrat des Aufgebotes bildeten. Manche kamen nach den Jahren 1917/18 und 1939/40 nun schon zum dritten Mal unter die Waffen. Mit Ausrüstung und Bewaffnung ging es in den nächsten Monaten nur mühsam vorwärts. Der weitere Kriegsverlauf sollte diesen Männern den Einsatz in heftigeren Kämpfen ersparen und sie, in deren Leben sich die bewegtesten Zeiten deutscher Geschichte in diesem Jahrhundert zusammendrängten, für die Wiederaufbaujahre erhalten.

Obwohl viele in diesen bitteren Tagen ohne weiteren Lebensmut blieben, hinterließen Entbehrungen und Schicksalsschläge eine Bevölkerung, die für die ungewissen Folgezeiten geeicht war. Die Versuchung ist groß, das Jahr 1945 mit einer Stunde 'Null', mit Ende und Anfang, gleichzusetzen, einem Einschnitt, für den sich noch in den späten 1940er Jahren der Begriff des Zusammenbruchs einbürgerte. Manches am Nationalsozialismus war wie Firnis abgeplatzt, anderes aber hatte tiefe Spuren und Veränderungen hinterlassen, die kein Zurück zu der nur wenige Jahre zuvor versunkenen Weimarer Republik oder gar zur Kaiserzeit erlaubten, wie sie einem Großteil der Zeitgenossen von 1950 noch erinnerlich war. Doch konnten sich in einer Stadt, die von totaler Zerstörung und Massenvertreibung verschont blieb, Kontinuitätsstränge und Strukturen erhalten, mit deren Hilfe man die Ausnahmezustände der Jahre 1945/47 rasch zugunsten einer zukunftsorientierten Lebenspraxis zu überwinden trachtete.

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