Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Literatur in der Neuzeit



Meisterliederbuch von 1625 mit Lieder u.a. von Johann Spreng und Daniel Holtzmann
Meisterliederbuch von 1625 mit Lieder u.a. von Johann Spreng und Daniel Holtzmann

von Hans Pörnbacher

Meistersang und Späthumanismus

Die Blütezeit des Humanismus und der Höhepunkt des Meistersangs fallen in Augsburg fast zusammen. Die Anfänge des Meistersangs in der Reichsstadt reichen möglicherweise bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurück, wo erstmals der Begriff 'Singschule' begegnet. Die ersten bekannten Namen sind der Weber Jörg Preining (um 1450 - um 1526/27) und der Kürschner Daniel Holtzmann. Von Preining haben sich Legendenlieder (St. Ulrich, St. Alexius) und Marienlieder erhalten, von Holtzmann die große Fabelsammlung 'Spiegel der natürlichen Weißhait', geistliche Dramen ('Fronleichnamspiel') und ein Gedicht über die 'Kunst der schreiberey ... [und] erfindung der Buchdruckerkunst' (1581). Theaterstücke sind bei den Meistersingern beliebt. Wenn unter diesen Dramenschreibern gleich Sixt Birck als einer der herausragenden Augsburger Meistersinger zu nennen ist, so muß darauf hingewiesen werden, daß in Augsburg sich auffallend viele Lehrer und Beamte unter den Meistersingern befinden. Auch Birck (1501-1554) war Lehrer, Rektor und Bibliothekar bei St. Anna. Als ein Mann der Sprachen und der klassischen Bildung bediente er sich bei seinen Dramen biblischer Stoffe; daneben übersetzte er mit einem anderen Lehrer, Andreas Diether († 1561), den Bericht des Hernán Cortés 'Von dem Newen Hispanien [...]' aus dem Lateinischen; dafür konnte man in einer Handelsstadt Interesse erwarten.

Ein wichtiger Vertreter der Augsburger Meistersinger ist Sebastian Wild († 1583). Sein Passionsspiel hat Schule gemacht in Erl in Tirol und, zusammen mit einer Passion aus St. Ulrich und Afra, auch in Oberammergau; 1566 gab er eine Sammlung von zwölf 'Comedien und Tragedien' heraus, darunter wenigstens drei, die Stoffe aus dem Bereich der in Augsburg besonders gepflegten Volksbücher ('Keyser Octavian', 'Die syben weisen maister', 'Die schoen Magelona') behandeln. Birck und Wild ragen aus der Vielzahl der einfachen Meister heraus, aber zu ihnen gesellen sich noch weitere angesehene Autoren wie Hans Rogel († 1592/93), Lehrer an einer deutschen Schule, später Stadtgerichtsweibel, Verfasser eines Epos 'Von der Zerstörung der Stadt Jerusalem' (1539), Abraham Niggel (1574-1647) oder der Notar und Schulmeister Georg Mayr († 1583) mit seiner Sammlung 'Etliche hundert schöner / lustiger / vnd gemainer Teutschen Sprüchwörter' (1567). Schließlich sei noch Samuel Dilbaum (1530-1618) genannt, als Verfasser zahlreicher 'Sendschreiben' und 'Relationen' (Flugschriften und Flugblätter) ein früher Wegbereiter des Zeitungswesens und der Publizistik; bemerkenswert sind in unserem Zusammenhang seine Reimgedichte 'Wein Büchlein' (1584) und 'Rayß gen Himmel' (1592).

Samuel Dilberg: Berichte und Kurtze Erzählung (...), 1569
Samuel Dilberg: Berichte und Kurtze Erzählung (...), 1569

Reformation und Reform

Nicht wenige Humanisten und Meistersinger haben Partei ergriffen für die Reformation, die das Neue, das noch Unberührte und Unverbrauchte, in manchen Dingen auch das Bequemere war. Andere haben sich eingesetzt für die Reform der Kirche durch Besinnung auf das Eigentliche und das Beschneiden von Mißständen. Dies sei vorausgeschickt: So sehr damals, ja noch bis ins 18. Jahrhundert hinein, die Literatur, auch in Augsburg, durch geistliche Themen beherrscht war, so wenig spiegelt sie die ganze Tiefe des Problems der Reform, die ganze Breite der Auseinandersetzung wider.

Katholischerseits sei der vom Bischof berufene Petrus Canisius (1521-1597) genannt, der aus Nimwegen kommend als 'erster deutscher Jesuit' von 1559 bis 1566 in Augsburg für die Erneuerung und Festigung der katholischen Kirche wirkte. Er war selbst schriftstellerisch tätig, hat Heiligenleben verfaßt (Fridolin von Säckingen, 1589) und einen Katechismus (1563), der lange, bis in die Tage Christoph von Schmids, von größter Breitenwirkung war. Canisius hat gepredigt - am Dom, aber auch in Kirchen und Klöstern der Stadt - und durch seine Schriften und Entscheidungen, etwa für das Schultheater, die gegen Ende des Jahrhunderts beginnende Barockliteratur vorbereitet. Was Aegidius Albertinus für München bedeutet, ist Petrus Canisius für Augsburg.

Der Domkapellmeister Bernhard Klingenstein (1545-1614) veröffentlichte 1604 eine Liedersammlung mit dem Titel 'Rosengärtlein unserer Lieben Frau'. Von Abraham Schädlin (1556-1626), Lehrer und Meistersinger, der sich selbst als 'Poet' versteht, sind Bühnenstücke erhalten, Schul- und Erbauungsbücher, darunter das 'Rosengärtlein der andächtigen Bruederschafft deß allerheyligsten Fronleichnams Jesu Christi in Augsburg' (1607). Verfasser von Erbauungsbüchern ist auch Wolfgang Wagner, der 1587 ein kleines Büchlein mit dem Titel 'Aureola Martyrum: Martyrer Kräntzlin. Das ist Einfältigs vnd nützliches Catholisch Lesen auff etlicher heiligen Martyrer Fest geordnet' veröffentlichte, Predigten, die zum Lesen aufbereitet sind und deren sprachliche Gestaltung Qualität hat. Reich ist das Schrifttum für die einzelnen Bruderschaften, Andachten, die vielfach bewußt literarisch geformt sind und über Jahrzehnte hin neue Auflagen erleben. Ähnlich wie Schädlin steht auch Cleophas Distelmayr (ca. 1548-1628), Vikar und Zeremoniar am Dom, schon an der Schwelle zur Barockzeit. Aus Dillingen stammend, sei er in Augsburg erst zu Ruhm gekommen, schreibt Franz Anton Veith in seiner 'Bibliotheca Augustana'. Von ihm haben sich Dramen erhalten wie 'Evripus. Ein schöne Andächtige vnd Christliche Tragödia / vber die wort Matth. 7' (1582), ein Spiel von einem verführten Jüngling, 'Ain schöne andächtige Tragoedia Von der heyligen Junckfrawen und Martyrin Barbara', eine Reihe von Erbauungsbüchern wie 'Wall- vnd Bilgerfarth Der aller seeligsten Jungkfrawen vnnd Mutter Gottes Maria' (1596) und schließlich Schriften zur Verteidigung des katholischen Bekenntnisses.

Wichtige Namen auf protestantischer Seite wurden schon bei den Meistersingern aufgeführt, an erster Stelle Sixt Birck und Sebastian Wild. Michael Hecht aus Augsburg fand seinen Wirkungskreis in Kaufbeuren, während der Münchner Martin Schrot († 1576) zwar nach Augsburg kam, wegen seiner gehässigen Kampflieder gegen die Katholiken jedoch 1552 die Stadt wieder verlassen mußte; erst 1563 kehrte er zurück. Wichtiger ist Jakob Dachser († 1567), von 1526 bis 1552 in Augsburg, vorübergehend Anhänger der Täufer, der 1538 den ganzen Psalter Davids herausgab; von ihm stammt das erste 'Evangelische Gesangbuch' in Schwaben. Sigmund Salminger († 1554), ein ehemaliger Franziskaner aus München, schloß sich erst den Täufern an, wandte sich aber 1530 wieder von ihnen ab und machte sich einen Namen als evangelischer Liederdichter.

Die Literatur des Barock

Die Epoche der Barockliteratur beginnt, im Unterschied zur Epochengrenze bei den Bildenden Künsten, schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Reformation, des Konzils und der katholischen Reform, und läuft erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder aus; von daher ist verständlich, daß sie, der Haltung der Zeit entsprechend, ganz von christlichem Gedankengut geprägt wird. Es gibt, vor allem in protestantischen Städten, etwa in Nürnberg oder am Hof zu Oettingen im Ries, zwar auch weltliche Dichtung, Schäferdichtung vor allem, doch auch dort dominiert die geistliche Thematik.

Die evangelische Erbauungsliteratur
Für Augsburg sind aus dem Lager der Protestanten drei wichtige Namen anzuführen, Gottlieb Spitzel, Narziß Rauner und Samuel Urlsperger. Die ersten beiden sind gebürtige Augsburger. Spitzel (1639-1691) studiert Theologie in Leipzig, Leiden, Hamburg und Amsterdam; während seines Studiums begegnet er nicht nur einflußreichen Lehrern wie Comenius, sondern auch dem berühmten Knorr von Rosenroth, der später in Sulzbach seine Bleibe fand und dort beachtenswerte wissenschaftliche und poetische Werke verfaßte. Von 1661 an wirkt Spitzel in seiner Vaterstadt, seit 1682 als Pfarrer an der Jakobskirche, aber die wissenschaftliche Arbeit hat der hochgebildete Theologe, der sich um die Orthodoxie bemühte und gegen die Frühaufklärung ankämpfte, nie aufgegeben. Er setzt sich ein für religiöse Literatur und polemisiert gegen Gleichgültigkeit (impietas) und Atheismus der Schriftsteller. Zeitlebens stand er mit angesehenen Geistesgrößen, so mit Leibniz, mit Theologen und Dichtern, etwa mit dem Pietisten Philipp Jakob Spener oder mit Johann Michael Dilherr aus Nürnberg, in Verbindung. Spitzels umfangreiche und wertvolle Bibliothek ist ein weiterer Beweis seiner vielseitigen Interessen, seines ernsthaften Strebens und seiner Gelehrsamkeit. Seine deutschsprachigen Werke 'Augsburger Seelengarten' (1678) und 'Die gebrochene Macht der Finsternüß' (1687) dienen ganz der Seelsorge.

Nächst Spitzel ist sein Altersgenosse Narziß Rauner (1631-1704) zu nennen, Rektor bei St. Anna. Rauner hat sich als Liederdichter einen Namen gemacht und wurde als solcher zum 'poeta laureatus' gekrönt. Zu seinem Hauptwerk 'Davidischer Jesus-Psalter' (1670) hat der angesehene Philipp Jakob Spener eine Vorrede geschrieben. Das geistliche Lied fand innerhalb der protestantischen Gemeinde Augsburgs eine frühe und intensive Pflege. Der Meistersinger Johann Philipp Apffelfelder wäre zu nennen, ferner Josua Wegelin, Bernhard Heupold, Johann Hoffman, David Spaiser und Georg Albrecht.

Die dritte herausragende Gestalt des Augsburger Protestantismus ist Samuel Urlsperger (1685-1772), der schon weit ins 18. Jahrhundert hineinreicht. In Kirchheim unter Teck geboren, kam er nach Tätigkeit am Hof in Stuttgart und als Pfarrer in Herrenberg 1723 nach St. Anna in Augsburg, wo er mehr als 40 Jahre unermüdlich als Prediger und Pfarrer wirkte, nicht ohne spätere Anfeindungen wegen seiner pietistischen und konservativen Einstellung durch Aufklärer wie Friedrich Nicolai aus Berlin. Er versuchte die Augsburger Handelsbeziehungen zu nutzen und den Protestanten in den österreichischen Landen materielle und geistliche Hilfe zu leisten. In den dreißiger Jahren setzte er sich, dessen Vorfahren selbst Österreich hatten verlassen müssen, unermüdlich für die Salzburger Exulanten ein, späte Opfer des problematischen Grundsatzes 'cuius regio, eius religio', der jetzt wie ein Bumerang wirkte. Der hochgebildete, weitgereiste Theologe und verantwortungsvolle Seelsorger ist hier vor allem als Literat, als Verfasser zahlreicher Kirchenlieder sowie von Predigt- und Erbauungsbüchern zu würdigen. Zwei Werke aus der Augsburger Zeit seien stellvertretend für alle genannt: 'Die Stellung der Gläubigen Vor das Angesicht Der Herrlichkeit Jesu [...] Vor etlichen hundert Evangelischen Saltzburgern und einer großen Menge Einheimischen [...] in der Furcht des Herrn erwogen [...]' (1732) und 'Etwas / so zu dem als göttliche Weisheit in zehen Fastenpredigten im Jahr 1746 abgehandelten Wort vom Leiden und Sterben Jesu Christi' (1752).

Das katholische geistliche Schrifttum
Trotz der Entscheidung des reichsstädtischen Augsburg für die Reformation blieb in der Bischofsstadt doch ein katholischer Kern erhalten. 1582 wurde nach langen Bemühungen das Jesuitenkolleg St. Salvator gegründet, das mit und neben St. Anna zu einer wichtigen Bildungsstätte der Reichsstadt wurde. Nicht wenige für die Barockliteratur bedeutende Jesuiten wirkten in Augsburg, so Jacob Pontanus (1542-1626), ein einflußreicher Wegbereiter des Jesuitendramas, Verfasser einer weitverbreiteten Poetik und anerkannter Lyriker. Matthäus Rader (1561-1634), Philologe und Schriftsteller, war vor allem ein begnadeter Lehrer; zu seinen Schülern gehört der wichtige Jeremias Drexel (1581-1638). Dieser gebürtige Augsburger ist der erfolgreichste barocke Erbauungsschriftsteller Süddeutschlands, dessen meist lateinische Werke in viele Sprachen übersetzt wurden. Weitere Schüler Raders in Augsburg sind Jakob Bidermann (1578-1639), ein bedeutender Dramatiker der Barockzeit, dessen großartiges Drama 'Cenodoxus' 1602 in Augsburg uraufgeführt wurde, und Georg Stengel (1584-1651), wie Drexel ein Sohn der Stadt. Mehr als 70 lateinische und deutsche Schriften Stengels sind erhalten, Schuldramen, Emblem- und Predigtbücher und viel Kontroverstheologie.

Ähnlich wie bei dem protestantischen St. Anna können längst nicht alle Jesuiten, die bei St. Salvator als Lehrer und Schriftsteller wirkten, aufgezählt werden. Doch sei daran erinnert, wie viele von ihnen Dramentexte verfaßt haben, die von den Schülern regelmäßig, auch für das städtische Publikum, aufgeführt wurden. Schon 1583, ein Jahr nach der Gründung des Kollegs, öffnete das Theater bei St. Salvator seinen Spielbetrieb mit dem Schuldrama 'Joseph der Patriarch', ein prunkvoller Einstand, über den Berichte vorliegen. Bisher sind an die 150 Dramentitel aus dem Augsburger Kolleg bekannt, doch sind noch lange nicht alle Periochen (Programmzettel mit Inhaltsangaben, kurzen Zusammenfassungen und einer Liste der Spieler) gesichtet und ausgewertet. Es geht hier nicht so sehr um ein paar große Einzelleistungen, die es durchaus gibt, sondern um das Durchhalten über viele Jahrzehnte, ja über fast zwei Jahrhunderte hin.

Ein später Vertreter des Schuldramas bei St. Salvator ist Franz Xaver Jann (1750-1828), der drei Jahrzehnte dort Lehrer war. Jann ist Herausgeber einer siebenbändigen Sammlung von Gedichten und Schauspielen mit dem programmatischen Titel 'Etwas wider die Mode'. Seine zahlreichen Theaterstücke mit spannender Handlung und geistreichen Einfällen sind nicht selten witzig und wirken durchaus erzieherisch. Darüber hinaus war Jann nicht nur ein guter Lehrer am Gymnasium, er nahm sich in seinen Schriften auch der einfachen, weniger gebildeten Leute an. So wird Jann, wenn man sich mit ihm beschäftigt, zu einer gewinnenden, ja imponierenden Persönlichkeit. Neben ihm steht Leonhard Bayrer (1749-1820), der wie Jann auch nach der Aufhebung seines Ordens bei St. Salvator als Lehrer blieb. Er gehört zu den Lehrern, die den Schülern die neuere deutsche Literatur vermittelt haben, damals keine Selbstverständlichkeit. Zeugnis dafür ist sein 'Poetisches Magazin' in sechs Bänden (1791-1794).

Den Jesuiten war in Augsburg eine weitere einflußreiche Position vorbehalten, die Predigerstelle am Dom. Petrus Canisius wurde schon erwähnt, Balthasar Knellinger (1635-1696) ist heute noch am ehesten bekannt durch seine 'Türkenpredigten', einem für die Zeit der bedrohlichen Kriege auf dem Balkan und der Belagerung Wiens höchst aktuellen Thema. Im 18. Jahrhundert folgen als Domprediger Franz Neumayr (1697-1765) und Alois Merz (1727-1792). Neumayr ist eine eindrucksvolle Gestalt, tüchtig nicht nur als Lehrer und Prediger, sondern auch als vielseitiger Schriftsteller und gescheiter Theoretiker. Seine Streitschriften beginnen fast alle mit der Floskel 'Frag: Ob ...', die damals allgemein bekannt war. Der aus Weißenhorn gebürtige Sebastian Sailer, ein berühmter Zeitgenosse Neumayrs, hielt ihm den Nachruf; Johann Balthasar Sedlezky, von dem noch die Rede sein wird, übersetzte lateinische Werke Neumayrs ins Deutsche. Alois Merz, Neumayrs Nachfolger auf der Domkanzel, war ein beliebter Prediger, aber als er 1785 fast erblindet aus dem Amt schied, war die Zeit für diese Art von Predigten endgültig vorüber.

Was waren das für Predigten? Es geht bei dieser Frage nicht so sehr um ihre Thematik, sondern um ihren literarischen Anspruch und Rang. Die Predigten aus dem 17. und 18. Jahrhundert, also bis zu Neumayr und Merz, waren in jedem Fall rhetorische Werke, nicht wenige davon sogar rhetorische Meisterwerke und als solche auch literarische Kostbarkeiten, die zu Herzen gehen konnten, die nachhaltig beeindrucken und das Verhalten der Zuhörer bessern wollten. Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Prediger neben der Kunst der Rhetorik viele literarische Gattungen eingesetzt, angefangen vom ausführlichen Bibelzitat bis hin zu Legende und Erzählung, Sprichwort und Anekdote, zu Merkvers und Lied. In einer Zeit, in der Bücher kostbar und selten waren, spielten die Predigten, abgesehen vom seelsorgerlichen Effekt und der geistlichen Erbauung, eine Art Vermittlerrolle für Literatur und für literarische Stoffe, auch und gerade für die weniger gebildeten Schichten, denen sonst kaum Literatur zur Verfügung stand. Nicht zuletzt deshalb verdienen sie Beachtung und Wertschätzung.

Neben den Jesuiten spielen die Prälatenklöster der Stadt eine Rolle für die Literatur. Aus der Reichsabtei St. Ulrich und Afra ist für die Barockzeit an erster Stelle Karl Stengel (1581-1663) anzuführen, Bruder des oben erwähnten Jesuiten Georg Stengel und kurze Zeit Abt von Anhausen/Brenz, das den Mönchen bald wieder genommen wurde. Er hat nicht weniger als 45 lateinische und 26 deutsche Schriften verfaßt und ein Tagebuch, das auch von seinen Erlebnissen während des Dreißigjährigen Krieges handelt. Sein Hauptanliegen ist die Hagiographie, sodann die Geschichte seines Ordens. Wichtig als Sprachdenkmal und vor allem als kulturgeschichtliche Quelle ist der Briefwechsel der beiden gelehrten Brüder.

Etwas jünger als Stengel ist Rupert Gansler (1660-1703); in seinem bekanntesten Buch, dem 'Lugenschmid', einem ebenso amüsanten wie seriösen und sprachlich ansprechenden Erbauungsbuch, ist er ein Nachahmer Abrahams a Santa Clara. Gansler ist von Geburt Tiroler wie Joseph Zoller, Edler von Zollershausen (1676-1759). Dessen noch kaum untersuchtes schriftstellerisches Werk umfaßt Lyrik und Historiographie, Predigten und zwei Emblembücher, ein lateinisches und ein deutsches, mit jeweils hundert Emblemen zur Unbefleckten Empfängnis Mariä, Bücher von großem Einfallsreichtum und poetischer Phantasie, die nicht zuletzt in der bildenden Kunst der Zeit ihren Niederschlag gefunden haben. Ganz anders sind die Neigungen von Corbinian Khamm (1645-1730). Neben lateinischen Erbauungsbüchern wie seiner 'Medicina spiritualis' (1679) und philosophischen Traktaten hat ihn sein historisches Hauptwerk 'Hierarchia Augustana Chronologica' in drei Bänden (1714-1719) bekannt gemacht.

1712 feierte das Kloster St. Ulrich und Afra seine 700-Jahrfeier mit Predigten, eigens dafür komponierten Liedern, Emblemata und geistlichen Schauspielen. Eine Beschreibung der Festlichkeiten wurde noch im selben Jahr veröffentlicht. Solche Festbeschreibungen waren wesentlicher Bestandteil der klösterlichen Literatur im 17. und 18. Jahrhundert. Weil sie immer reich waren an den verschiedenartigsten literarischen Darbietungen, verdienen sie hier angeführt zu werden. Ähnliche Festbeschreibungen gab es für und aus Augsburg 1729 anläßlich der Heiligsprechung des Prager Generalvikars und Märtyrers Johannes Nepomuk († 1393) und bei den Ulrichsfeierlichkeiten 1762 und 1764. Glanzvolle Predigten von Augsburger Kanzelrednern, aber auch von Gästen außerhalb, gehörten bei diesen Solemnitäten zu den großen Attraktionen für die Gläubigen. An tüchtigen Predigern fehlte es aber auch der Abtei St. Ulrich und Afra nicht. Pirmin Lindner nennt in seinem Schriftstellerverzeichnis für das 18. Jahrhundert Abt Coelestin Mayr (1679-1753), P. Bonifaz Sartor (1685-1755), P. Leonhard Sondermayr (1682-1773), P. Joseph Maria Heis (1769-1851) sowie die Patres Petrus Mayr und Maurus Krumm (1754-1829) aus Augsburg, die ihrer Wirkung nach schon ins 19. Jahrhundert gehören.

Ein Förderer von Literatur und Wissenschaft war Abt Wikterp Grundner (1744-1795), gebürtiger Augsburger und Sohn armer Eltern, aber 'reich an Talenten'; er vermehrte die Bibliothek und ließ das Stiftsarchiv ordnen, vor allem aber förderte er die Arbeiten des tüchtigen und vielseitigen Placidus Braun (1756-1829). Braun, Vater der modernen Augsburger Kirchengeschichtsschreibung, ist Verfasser eines Katalogs der Stiftsbibliothek, der in sechs Bänden gedruckt wurde, einer Geschichte der Bischöfe von Augsburg (1813-1815) und der Kirche und des Stifts der Heiligen Ulrich und Afra (1817), einer Lebensgeschichte aller Heiligen und Seligen der Stadt und der Diözese (1825) sowie einer Geschichte des Collegiums der Jesuiten in Augsburg (1822).
Schließlich kennt die Abtei auch ein Mirakelbuch, das 1737 gedruckt wurde und neben dem lateinischen auch einen deutschen Titel trägt, nämlich 'Gutthaten und Gnaden durch Vorbitt der Jungfrau Gottes Gebährerin, Und deß Heiligen Simberti'. Der Verfasser ist der gebürtige Augsburger Roman Kistler (1683-1745), Mönch der Abtei, der nach Studienjahren in Rom 1712 ein Buch mit dem Titel 'Basilika, das ist herrliche Kirche des freyen Reichsklosters St. Ulrich und Afra' vorlegte, eine willkommene Quelle auch für die Kunstgeschichte der Stadt.

Von Theateraufführungen in St. Ulrich und Afra ist wenig bekannt. Ob die Reichsabtei darauf verzichtet hat wegen des Übergewichts von St. Salvator? Das ist, sieht man auf die übrigen Stifte in Schwaben, von Heilig Kreuz in Donauwörth und gar von Ottobeuren nicht zu reden, jedoch kaum anzunehmen. Von Josef Maria Heis jedenfalls wurde noch 1835 'Der vom Tod erweckte Lazarus', ein Drama in drei Aufzügen mit Gesang, aufgeführt.

Auch das Chorherrenstift Heilig Kreuz in Augsburg ist hinsichtlich seiner Literaturpflege kaum untersucht. Namentlich bekannt ist der Chorherr Ignatius Kistler
(† 1758), Bruder des eben erwähnten Roman Kistler, Verfasser eines Mirakelbuches für das in der Stiftskirche aufbewahrte 'Wunderbarliche Gut' (1733). Kistler, sicher nicht der einzige Schriftsteller seiner Propstei, hat noch eine ganze Reihe deutscher und lateinischer Erbauungsbücher im Druck erscheinen lassen. Kanoniker in den Stiften St. Moritz und St. Peter war Hieronymus Ambrosius Langenmantel (1641-1718), Mitglied der 'Fruchtbringenden Gesellschaft', eine wichtige Gestalt im literarischen Augsburg der Barockzeit, Verfasser einer Hirlanda-Erzählung und Übersetzer von René de Cériziers 'Leben Genovefas', das im 19. Jahrhundert Christoph von Schmid zu größter Bekanntheit bringen sollte.

Das 17. Jahrhundert und weite Teile des folgenden sind eine ganz vom Religiösen geprägte Zeit, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf geistlicher Literatur. Das bedeutet zwar, daß manche Themen fehlen, ja bewußt ausgespart wurden, doch ist der Vorrang christlichen Denkens und christlicher Verkündigung in der Literatur mit Beispielen großer Kunstentfaltung in seiner Gesamtheit durchaus eindrucksvoll.

Jeremias Drexel
Jeremias Drexel
Jakob Bidermann: Utopia, Dillingen 1644
Jakob Bidermann: Utopia, Dillingen 1644

Das 18. Jahrhundert

Nicht wenige der im vorhergehenden Kapitel erwähnten Autoren gehören schon zum 18. Jahrhundert. Die geistliche Literatur, von der die Rede war, reicht bei allen Unterschieden und Variationen bis zum Ende der reichsstädtischen Herrlichkeit, bis zum Ende des alten Reiches. Und doch hat das 18. Jahrhundert gerade in Augsburg ein neues, ein anderes Gesicht: Die Aufklärung macht sich bemerkbar und der Einfluß der verschiedenen literarischen Strömungen des 18. Jahrhunderts bis hin zur Klassik. Augsburg nimmt Anteil an den modernen, zeitgenössischen Entwicklungen. Zeitlich an erster Stelle steht Christiana Rosina Spitzlin (1710-1740), Tochter des aus Leipzig eingewanderten Stechers Johann August Corvinus. Ihre Gedichtsammlung 'Poetische Ergötzungs-Stunden' (1731) orientiert sich an der empfindsamen Art des Hamburger Lyrikers Barthold Hinrich Brockes, der ihrem Band auch ein Begleitgedicht beigefügt hat. Gewidmet ist die Sammlung dem Augsburger Patrizier Paul von Stetten d.Ä.

Vom Einfluß moderner Strömungen war die Rede; dabei denkt man an Gestalten wie Sophie von LaRoche (1730-1807), geborene Gutermann, die, aus Kaufbeuren stammend, ihre Jugendzeit in Augsburg verlebte. Sie verliebte sich hier in ihren Hauslehrer, den italienischen Arzt und Kunsthändler Bianconi, dessen katholisches Bekenntnis Sophies Vater jedoch mißfiel. Bianconi deutet die kleine Tragödie im achten Brief seiner 'Lettere al Marchese Filippo Hercolani' (1763) an, einem Brief, in dem er auch von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, dem Rathaus, den Fresken Holzers und anderem mehr berichtet. Als Sophie von LaRoche selbst mit dem Schreiben begann, war sie längst von Augsburg weggezogen.
Etwa gleichaltrig war Paul von Stetten d.J. (1731-1808), Sohn des schon erwähnten Paul d.Ä. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts verkörpert er wie kein anderer Autor die Literatur seiner Vaterstadt, in deren Dienst er stand. Seine Dichtungen tragen fast alle historischen Charakter; er betont die pädagogische Funktion der Geschichte, die ihm 'eine Lehrerin der Tugend und Klugheit' ist. Stetten denkt dabei vor allem an die Geschichte Augsburgs, die 'bürgerliche Tugend' erwecken und erhalten kann: 'Ich hätte mir aus Griechen und Römern oder aus utopischen Staaten Helden erzeugen können; ich glaubte aber, daß vaterländische Beyspiele geschwinder und besser zur Tugend reizen und aufmuntern würden, als fremde oder errichtete'. Stetten folgt der Zeitmode, dem Trend zu Ritterromanen und Ritterdramen, und verfaßt verschiedene Rittergeschichten: 'Selinde' (1764), 'Siegfried und Agnes' (1767) und den kleinen Briefroman 'Briefe eines Frauenzimmers, aus dem 15. Jahrhundert' (1777), wohl das Beste aus seiner Feder. Eine Gestalt wie Paul von Stetten ist wichtig für das kulturelle Leben eines Gemeinwesens. Seine Schriften sind für die Literaturgeschichte der Stadt ernst zu nehmen, sie haben Qualität, wenngleich sie, wohl wegen der lokalen Thematik, nur wenig über die Grenzen der Stadt hinausgewirkt haben.

Johann Christoph von Zabuesnig (1747-1827) ist ebenfalls ein typischer Vertreter des literarischen Augsburg, wenn auch von ganz anderer Art als Stetten; er betreibt die Schriftstellerei mehr als Spiel für sich selbst. Das verrät schon der Titel 'Poetische Tändeleyen', den er für eine seiner Sammlungen wählt. Er schreibt Dramen, darunter das Trauerspiel 'Elsbeth von Rehlingen' (1783), das Goethe im 'Wilhelm Meister' erwähnt; Wolfgang Amadeus Mozart, dem Freund, widmet er 1769 ein 'Sinngedicht'. Besonders gerühmt werden Zabuesnigs gereimte Fabeln, gefällige Dichtungen, die auch heute noch gut lesbar sind.

Der Augsburger Privatgelehrte Johann Balthasar Sedlezky (1727-1772) übersetzte Homer, Ovid, Vergil, aber auch den barocken Schäferroman 'Argenis' von John Barclay und, wie bereits erwähnt, ein lateinisches Drama seines Zeitgenossen Franz Neumayr. Aus Bayreuth kam Johann Georg Emanuel Rosner (1730-1784) als Stadtphysikus nach Augsburg; seine 'Sammlung einiger Gedichte' ist 1773 erschienen, ein durchaus beachtliches Werk. Der Augsburger Johann Georg Metzler (1761-1833), der unter dem Namen Karl Ludwig Giesecke veröffentlichte, war als Mineraloge Bergrat in Berlin und schließlich Professor in Dublin. Er hat neben dem fesselnden Bericht seiner Forschungsreise durch Grönland (1806-1813), der 1910 in Dänemark eine zweite Auflage erfahren hat, eine große Zahl von Opernlibretti und Bühnenstücken geschrieben. Wenn sein Werk auch nicht in Augsburg entstanden ist, so wurde vielleicht doch das Interesse am Theater in seiner Vaterstadt geweckt, denn das Theater wurde dort gepflegt, und längst war man mit dem Schultheater allein, so präsent es auch im 18. Jahrhundert noch war, nicht mehr zufrieden. Eine erschöpfende Darstellung des Theaterwesens in der Reichsstadt fehlt leider noch immer. Zum Schluß sei an den Notar Georg Wilhelm Zapf (1747-1810) gedacht; Zapf, ein vielseitig gebildeter Mann, ist der Verfasser 'Literarischer Reisen' (1782 ff.) und der 'Augsburgischen Bibliothek' (1787), beides wichtige Arbeiten zur Buch- und Literaturgeschichte Schwabens.

Pual von Stetten d.J., Lettre d´une femme
Pual von Stetten d.J., Lettre d´une femme
Christoph vom Schmid: Hopfenblüthen, 1876
Christoph vom Schmid: Hopfenblüthen, 1876

Das 19. Jahrhundert

Das Ende der reichsstädtischen Herrlichkeit in Augsburg war für viele Intellektuelle, für Beamte im Dienste der Stadt, wie Paul von Stetten, eine große Enttäuschung, ja der Zusammenbruch ihrer politischen Erwartungen, der geradezu eine gewisse Lähmung auslöste. Dazu kommt, daß München als Hauptstadt des neuen Königreiches, in dem die alte Reichsstadt erst ihren Platz finden mußte, den einen oder anderen schwäbischen Autor, der vielleicht sonst nach Augsburg gekommen wäre, abgezogen hat. Zunächst jedenfalls lag Augsburg, der neue schwäbische Verwaltungsmittelpunkt, noch mehr als bisher im Schatten der Residenzstadt. Es gibt hier keine auffallende Pflege der Romantik wie im fränkischen Nürnberg, in Bamberg oder im München Ludwigs I., sieht man von Pius Alexander Wolff ab. Und doch hat Augsburgs Literatur auch im 19. Jahrhundert ihre eigenen Reize, auch wenn sie eher verborgen als spektakulär sind.

Nicht die Rede soll sein von Augsburg als Druckerstadt im 19. Jahrhundert, von seinen angesehenen Verlagen und Druckereien oder von Verlegerpersönlichkeiten wie Johann Friedrich Cotta (1764-1832), der mehr als
20 Jahre, von 1810 bis 1832, sein Augsburger Verlagshaus leitete und in dieser Funktion die renommierte 'Allgemeine Zeitung' herausgab wie auch der Verleger Goethes und Schillers war.

Im späteren Cotta-Haus in der heutigen Karmelitengasse wurde Pius Alexander Wolff (1782-1828) als Sohn eines angesehenen Verlegers geboren. Als Schüler von St. Salvator kam er mit dem Theater in Berührung, von dem er fasziniert war. Nach dem Tod des Vaters geht Wolff nach Weimar zu Goethe, der Gefallen an ihm findet, und wird dort unter des Dichters Anleitung Schauspieler und Regisseur. Von seinen dramatischen Arbeiten ist das von Carl Maria von Weber vertonte Schauspiel 'Preciosa' nach einer Novelle von Cervantes das bekannteste; die Lieder in diesem Stück, wie 'Einsam bin ich nicht allein', 'Im Wald, im Wald, im frischen grünen Wald' und 'Es blinken so lustig die Sterne' sind Beweise einer beachtlichen lyrischen Begabung. Wolffs 'Dramatische Spiele' sind ab 1823 in Berlin erschienen, sein Grab ist in Weimar.

Die herausragende Persönlichkeit im Augsburg des 19. Jahrhunderts ist Christoph von Schmid (1768-1854), ein heute vergessener Jugendschriftsteller, der aber, wie sein Lehrer Johann Michael Sailer schreibt, 'die Welt entzückt' hat, und das über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren. Viele Generationen von Kindern, Jugendlichen und Eltern hat er durch mehr als fünfzig Erzählungen wie 'Die Ostereier', 'Genovefa', 'Der Weihnachtsabend', 'Rosa von Tannenburg', durch Lieder wie 'Ihr Kinderlein kommet' oder 'Wie lieblich schallt durch Busch und Wald des Waldhorns süßer Klang' und durch seine weit verbreiteten und viel gespielten Theaterstücke unterhalten, ergriffen, erfreut, belehrt. Und dies nicht nur im deutschsprachigen Raum: Seine Geschichten, zum Teil sogar in Form von Gesamtausgaben, wurden in 24 Sprachen übersetzt. Kaum ein Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Raum hat so weite Verbreitung gefunden, so hohe Auflagen erreicht; aus Augsburg vor ihm höchstens Jeremias Drexel, nach ihm nur Bertolt Brecht. Will man Schmid kennenlernen, dann empfiehlt es sich, mit seinen 'Erinnerungen' zu beginnen, ein fesselndes und für das 18. Jahrhundert überaus informatives Werk, geschrieben in einer schönen und klaren Sprache. Seine Erzählungen aber verdienen als vielgerühmte und vielgelesene Jugendliteratur heute noch Interesse, wenn
sie auch seit der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts immer mehr verdrängt und schließlich endgültig einer anderen, der neuen Zeit angemessenen Jugendliteratur weichen mußten. Schmids großer Erfolg geht nach einem Wort von Joseph Bernhart darauf zurück, daß er, wie Goethe es fordert, ein 'liebender Autor' ist, daß er versteht, was die Jugend braucht. So hat erst Joseph Bernhart in seiner kleinen, aber vorzüglichen Biographie von 1956 das Geheimnis von Schmids Schriften und ihres Erfolges für unsere Zeit wieder aufgedeckt und ins rechte Licht gesetzt. Im vorigen Jahrhundert aber haben angesehene Zeitgenossen Schmids wie Stifter und Rückert seine Qualitäten als Erzähler gerühmt, hat der Maler Ludwig Richter sein Lob gekündet, machte sich der Philosoph Schelling von München aus auf den Weg nach Augsburg, um Christoph von Schmid zu sehen und mit ihm zu reden. 1827 berief ihn König Ludwig I. ins Augsburger Domkapitel und erhob ihn ein Jahr später in den Adelsstand; noch der alte König dankt ihm begeistert für seine Sailer-Biographie (1854): 'So eben habe ich Ihre Erinnerung an Sailer beendigt; Thränen stehen in meinen Augen. Es ist ein neues Verdienst, das Sie zu Ihren vielen Verdiensten fügen, diese Ihn und Sie ehrenden Erinnerungen'. Heute wird Schmid zu sehr von der Gegenwart aus beurteilt und nicht aus seiner Zeit, aus seinem Wirkungsbereich heraus verstanden. Wie der junge Wolff wohnte übrigens auch Schmid in der Karmelitengasse.

Schmid hat Schule gemacht und viele Nachahmer gefunden, darunter Isabella Braun (1814-1884). Diese tüchtige Lehrerin und Schriftstellerin hat viele Jahre die von ihr gegründete Zeitschrift 'Jugend-Blätter für christliche Unterhaltung und Belehrung' herausgegeben und als Mitarbeiter auch den Augsburger Benediktiner Hermann Koneberg (1837-1891) gewonnen. Koneberg, seit 1871 von Augsburg weggezogen und Pfarrer von Ottobeuren, hat mehr als fünfzig Schriften hinterlassen, darunter vor allem Texte für die Jugend; er hat auch die 'Katholische Kinderbibliothek' begründet, die bis 1904 existierte und 71 Bändchen umfaßt. Daneben hat er eine 'Bibliothek für christliche Erzählungen' herausgegeben.

Aus der Abtei St. Stephan wäre eine stattliche Reihe von Autoren zu nennen, Autoren, die vor allem geistliches Schrifttum und Schulbücher verfaßten. Neben P. Hermann Koneberg seien hier angeführt P. Stephan Postelmayer (1799-1855), der Historiker P. Luitpold Brunner (1823-1881), P. Caspar Kuhn (1819-1906), eine vielseitige Persönlichkeit, Autor von Erzählungen und Bühnenstücken, sowie der Hauschronist von St. Stephan und spätere Abt von Schäftlarn, Sigisbert Liebert (1851-1929). Dabei geht es nicht so sehr um die einzelnen Namen, sondern um die Tatsache, daß im 19. Jahrhundert die alte Klostertradition wieder aufgenommen, daß Wissenschaft und schöne Literatur gepflegt wurden.

Erhart Kästner: Zeltbuch von Tumilad, 1949
Erhart Kästner: Zeltbuch von Tumilad, 1949

Augsburgs Beitrag zur Literatur des 20. Jahrhunderts


Aus dem 20. Jahrhundert gäbe es wohl viele Namen anzuführen, angefangen von bescheidenen Mundartdichtern wie Wilhelm Wörle (1886-1959), Lehrer in Augsburg, dessen 'Schwäbische Gedichte' 1935 in Augsburg erschienen sind, bis hin zu Ludwig Curtius (1874-1954), dem bedeutenden Archäologen, dessen 'Lebenserinnerungen' schöne Partien über seine Augsburger Kindheit bringen.

Verwandt zu Art und Denken von Curtius ist Erhart Kästner (1904-1974), Philosoph und Bibliothekar,
 1950-1968 an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, die er zu neuem Leben erweckte. Kästner schreibt Reiseberichte aus Griechenland (1942) und Kreta (1946) von seltener Frische und Anschaulichkeit, veröffentlicht Aufzeichnungen vom Berg Athos (1956) und von der Insel Delos (1961); aus den Erfahrungen der Kriegsgefangenschaft in Ägypten erwächst das 'Zeltbuch von Tumilad', eines seiner Hauptwerke, eine Besinnung auch auf die überlieferte Kultur, vor deren Zerstörung sein letztes Buch 'Aufstand der Dinge' (1973) eindringlich warnt. Kästner, ein mitreißender Schriftsteller, der Anstöße gibt und Anregungen, verdient Beachtung als Zeitzeuge, nicht zuletzt Bewunderung für seinen Beitrag zum Aufbau des kulturellen Lebens der Nachkriegszeit. Er war früh wach für alles Schöne und interessiert an allem, was die Kunst betrifft. Als Neunzehnjähriger sieht er Brechts 'Trommeln in der Nacht' und schreibt den Eltern (Februar 1923): 'Stoff und Milieu sind ja durchaus abstoßend, dekadent. Doch das Merkwürdige ist eben, daß sich unter dem Mantel etwas so vollständig Neues, Starkes birgt - die ganze Schaffensart, die Einstellung der letzten Jahrzehnte des Kunstschaffens ist über den Haufen geworfen'. Eine hellsichtige Beobachtung.

Bert Brecht, um 1926. Ölgemälde von Rudolf Schichter
Bert Brecht, um 1926. Ölgemälde von Rudolf Schichter

Dieser Bertolt Brecht (1898-1956) ist sechs Jahre älter nur als Kästner, er kommt aus der gleichen Stadt und aus der gleichen bürgerlichen Welt. Doch Kästner absolviert sein Studium und ergreift einen Beruf, der ihm freilich viel Spielraum läßt für seine Neigungen; Brecht dagegen versteht sich, kaum der Schule entwachsen, als Literat, als Dichter, und wenn schon von einem Beruf die Rede sein soll, dann ist es seine Arbeit am Theater. Brechts Qualitäten als Schriftsteller, seine überragende Begabung, ein unverkennbares Geschick für kollektive Arbeitsweise, von der er am meisten profitiert, aber auch sein Spürsinn für das Zeitgemäße und nicht zuletzt sein Fleiß lassen ihn zu einer der ganz großen Dichtergestalten des 20. Jahrhunderts werden. Als Jugendlicher schon schüttelt er die Konventionen der bürgerlichen Welt ab, aus der er kommt; und dies nicht nur, nachdem er Marxist geworden war, sie engten ihn auch schon zuvor ein in seinem Egoismus, der zu ungehemmtem Ausleben drängte. Die bürgerlichen Vorstellungen paßten auch immer weniger zu dem von ihm vertretenen Nihilismus, in dessen konsequentem Durchdenken er im Menschen schließlich nur 'das Tier' sah.
Noch in seiner Augsburger Zeit (bis 1917) beginnt er mit dem Schreiben von Theaterstücken: 'Baal' (1918), 'Trommeln in der Nacht' (1919) werden in München als erste aufgeführt und erregen Aufsehen. Von 1917 bis 1924 bleibt er in München, dann zieht es ihn fort nach Berlin, wo sein Werk zunehmend politisch wird. Als Dichter entwickelt sich Brecht zum genialen Stückeschreiber, er erfindet das politische 'Lehrstück' und entwickelt in den zwanziger und dreißiger Jahren die Form des 'epischen Theaters', das er zusammen mit Erwin Piscator systematisch ausbaut. Seine 'Dreigroschenoper' (1928) mit der Musik von Kurt Weill erobert die Welt. 'Leben des Galilei' (1938) und 'Mutter Courage und ihre Kinder' (1939), ein Antikriegsstück, erscheinen im Exil, in das er vor den Nationalsozialisten fliehen muß. 1947 kehrt er nach Ostberlin zurück, wo er anfangs die andere Diktatur unterstützt und rechtfertigt, während er gleichzeitig seine Bankkonten im kapitalistischen Westen eröffnet. Neben das Bühnenwerk treten ca. 2500 Gedichte, die die deutsche Lyrik verändern, ferner Erzählungen, darunter die meisterhaften und populären Kalendergeschichten, schließlich satirische Schriften sowie Arbeiten zur Ästhetik (z.B. 'Über experimentelles Theater', 1939). Brecht kann blenden. Falsches Argumentieren in seinen Lehrstücken oder in Gedichten wie 'Fragen eines lesenden Arbeiters' vermag er geschickt zu kaschieren. Was letztlich bleibt, ist doch die geniale literarische Leistung.

Zurück zu Augsburg und zum Verhältnis des Dichters zu seiner Heimatstadt. Ob Brecht die Stadt, in der er aufgewachsen ist, so ernst genommen hat? Ob er sie nicht als kleinliche und enge Provinz verachtete, als Enge, aus der es auszubrechen galt, um das Neue zu finden, um Wirkungsmöglichkeiten und Mitstreiter zu suchen, um sich auszuleben? Gegen Ende des Exils in den ihm verhaßten Vereinigten Staaten, die ihm allerdings bequemer waren als das von ihm gepriesene stalinistische Rußland, und in den Ostberliner Jahren hat er sich wieder an die Heimat erinnert und wenigstens für sich die Beziehungen zur 'Vaterstadt' neu aufgenommen. Kurz vor seinem Tod schreibt er, etwas kokett, an die Radeberger Exportbierbrauerei, deren Produkte in der DDR nicht vertrieben wurden: 'Ich bin Bayer und gewohnt, zum Essen Bier zu trinken'. 'Bayer' steht hier wohl auch für 'Augsburger'. Doch das darf nicht so ernst genommen werden. Für Tucholsky wäre dieser Brief ein Anzeichen von Spießertum gewesen, aber er hat ihn nicht mehr zur Kenntnis nehmen können. Aufschlußreicher und wichtiger für Brechts Verhältnis zu seiner Geburtsstadt sind späte Gedichte wie


Schwierige Zeiten
Stehend an meinem Schreibpult
Sehe ich durchs Fenster im Garten den Holderstrauch
Und erkenne darin etwas Rotes und etwas Schwarzes
Und erinnere mich plötzlich des Holders
Meiner Kindheit in Augsburg ...


oder

Rückkehr
Die Vaterstadt, wie find ich sie doch?
Folgend den Bomberschwärmen
Komme ich nach Haus.
Wo denn liegt sie?
Wo die ungeheueren Gebirge
von Rauch stehn.
Das in den Feuern dort Ist sie ...



Brecht hat ein Werk von hohem dichterischen Rang hinterlassen. Man sollte jedoch auch seine Grenzen nicht übersehen. Kritische Distanz ist ihm gegenüber ebenso am Platz wie Liebedienerei falsch, ja peinlich wäre.

Wie viele der in Augsburg gebürtigen und in diesem Beitrag erwähnten Autoren ist auch Brecht natürlich nicht auf Augsburg zu reduzieren, aber Augsburg hat ihn der Welt geschenkt, so gehört er doch in diesem Zusammenhang gewürdigt. Er nimmt auf jeden Fall diesem Überblick den Beigeschmack des nur Provinziellen. Brecht zeigt aber auch, daß es fast nie darum gehen kann, einen Autor für eine Stadt, ein Land, eine Sprache zu reklamieren. So hat auch eine Besinnung auf Literatur in Augsburg nichts zu tun mit falschem Stolz; sie soll vielmehr das geistige Klima der Stadt andeuten, ihre Aufgeschlossenheit für die Künste und die schöne Literatur und eine Begegnung mit dieser Welt vermitteln.
Mit Brecht sei dieser Überblick geschlossen. Was aber wird in Augsburg heute an Literatur geboten? Es gibt Textsammlungen, die nach jungen Autoren Ausschau halten. Doch hier soll davon aus guten Gründen nicht mehr die Rede sein und dies nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Vorsicht: Zu viele Namen müßte man nennen, keinen dürfte man - was bei einem historischen Rückblick eher entschuldbar ist -, unterschlagen, weil dies einer Mißachtung gleichkäme. Aber die zeitgenössischen Schriftsteller brauchen diese Erinnerung noch nicht, sie sind - im besten Fall - ohnehin gegenwärtig in den Buchhandlungen, in den Medien und in Gesprächen. Und wenn es wirklich schlecht bestellt wäre um die Literatur in der Stadt des ausgehenden 20. Jahrhunderts, dann helfen auch Worte und Programme wenig. Dagegen ist die Rückschau wichtig, um sich des Alten wieder zu vergewissern, um ein objektives Bild von der Geschichte und Kulturgeschichte der Stadt zu gewinnen. Nicht alles Alte ist heute noch frisch, so reizvoll es für den Kenner auch sein kann. Doch 'das rechte Alte [aber] ist ewig neu, und das rechte Neue schafft sich [doch] Bahn über alle Berge' (Joseph von Eichendorff).

[zurück]

Wißner-Verlag Tel. 0821/25989-0